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„Uns geht es gottlob unverändert“

Ein Schauplatz der weit verzweigten Story des Recherche-Theater-Projekt „Die Mühlengeschichte“ ( https://dabinnus.de/die-muehlengeschichte/ )  ist auch der Ort St.Gallen:

Die Brüder Werner und Ludwig Meyer, 9 und 12 Jahre alt, kommen dort im Herbst 1936 an. Plätze in einem Internat sind freigeworden. In NS-Deutschland wird die Lage für ihre jüdische Familie immer kritischer. 

Die Meyers besitzen im damaligen Ostpreußen einen großen Mühlenbetrieb, der bald vom NS-System „arisiert“ wird. Einige Familienmitglieder können noch nach London, Schweden, oder in die USA gelangen. Die Eltern von Werner und Ludwig jedoch versuchen in Deutschland zu bleiben, in der vagen Hoffnung auf einen Zusammenbruch des Systems. 

Im Frühsommer 1939 kann sich die Familie noch einmal in Lindau treffen. Daß dieses Zusammentreffen das letze sein würde, kann zu dem Zeitpunkt niemand ahnen. 1939 müssen Dr. Hans Joseph und Lotte Meyer zwangsweise ihren ostpreußischen Wohnort verlassen und nach Berlin umsiedeln. Sie werden schließlich 1943 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert. 

Seit 1936 schreiben die Eltern Meyer regelmäßig an ihre Söhne, ebenso wie viele Verwandte und Freunde. 

Ein Großteil dieser Briefe ist erhalten geblieben und bei Brigitte Meyer in St. Gallen aufbewahrt.

Die Eltern versuchen darin eine gewisse Normalität zu bewahren, sie erkundigen sich ausführlich nach Befinden, Gesundheit und schulischem Fortschritt. Sie wollen ihre Kinder nicht ängstigen, im Gegenteil sie wollen ihnen Zuversicht vermitteln, auch wenn sich die Schlinge um ihr eigenes Leben immer mehr zuzieht. Immer mehr Zwangsmaßnahmen aller Art terrorisieren die jüdische Bevölkerung im deutschen Reich. Trotzdem schreiben Hans und Lotte Meyer immer wieder: 

„Es geht uns Gottseidank unverändert“. Sie können natürlich nur sehr versteckt mitteilen, wie es wirklich um sie bestellt ist, denn Gestapo und Wehrmacht lesen mit. So spiegeln diese Dokumente die Verfolgungsgeschichte dieser Familie versteckt zwischen den Zeilen. 

Durch die „Arisierung“ des Eigentums wird auch die finanzielle Situation immer prekärer. Immer mehr Verwandte und Bekannte versuchen Deutschland zu verlassen. Werner und Ludwig Meyer müßen schließlich das Internat beenden und auf private Unterkünfte ausweichen, sind auf die Unterstützung von wohlwollenden Bürgern und jüdischen Hilfsorganisationen angewiesen.

Schulkameraden schreiben indes aus verschiedensten Orten Europas. Manch einer sitzt irgendwo im Osten fest oder wartet in einem Hafen auf eine rettende Schiffspassage. Auch das ist brieflich dokumentiert.

Die Deportation der Eltern nach Auschwitz wird kurzfristig noch einmal abgewendet. Sie werden zunächst nach Theresienstadt „umgebucht“.

 

Auch von dort treffen noch vereinzelt Lebenszeichen in Form von Postkarten ein. Die Söhne, inzwischen junge Männer geworden, schreiben zurück. Ängste und Bedrückung,  Sehnsucht nach den Eltern.  Was sie von der tatsächlichen Situation ihrer Eltern wissen oder ahnen?  

Bis dann keine Post mehr eintrifft und die Söhne schließlich im Chaos des Kriegsendes  verzweifelt versuchen, herauszufinden, ob ihre Eltern vielleicht doch irgendwie überlebt haben. 

In der Privatheit dieser Dokumente spiegelt sich ein Abschnitt dramatischer Zeitgeschichte. Oft sehr anrührend und mit dem beständigen Versuch den Optimismus aufrecht zu erhalten, daß alles doch irgendwie gut wird und der Spuk zu Ende geht. Auswege eröffnen sich und schließen sich wieder.

Dieses Beispiel einer von zig Holocaust-Verfolgungsgeschichten ist gerade heute im neuen-alten Ausbrechen von Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft. 

Einzelne Ausschnitte aus dem Briefmaterial haben wir im Theaterabend „Die Mühlengeschichte“ und in einer Gehsteig-Veranstaltung in Berlin zitiert. Jetzt soll das gesamte Material in den Fokus genommen werden und öffentlich in einer Theaterveranstaltung/Lesung/ Performance präsentiert werden. Dazu ist es notwendig die Briefe zu scannen und professionell zu transkribieren, was einen erheblichen Aufwand bedeutet, der nicht ohne finanzielle Unterstützung geleistet werden kann. Bisher konnte ich die „Ursula-Lachnit-Fixson-Stiftung“ in Belin für einen finanziellen Beitrag gewinnen.

 

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Foto: F. Kimmel 

Der 7. Oktober und danach

„Gibt es da Menschen, die sich gegenseitig zuhören?“ ( Zitat aus Gespräch mit Sabeth Wallenborn-Honigmann) 

Die Lage in Nahost- dynamisch und mit schwer abzuschätzenden Folgen. Wie sich das auf unsere Gesellschaft hier und das Zusammenleben auswirkt? Irsraelbezogene Übergriffe und Hetze und gesellschaftliche Frontenbildung sind das neue Normal.  Der Bericht für 2024 der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) ist gerade erschienen. 

Bisher habe ich eine begrenzte Anzahl von Interviews mit Personen durchgeführt, die jeweils sehr verschiedene Hintergründe haben. Aus dem deutsch-israelisch-jüdischen Kontext, aus einem Personenkreis mit internationalen Bezug und aus einem Kreis mit migrantischem Bezug zu arabischen Staaten. Bewußt keine Umfrage, sondern Stichproben aus der näheren oder etwas weiter gefassteren privaten Umgebung. 

Aus den Unterhaltungen -manche als Audio aufgezeichnet-  bildet sich ein großes Spektrum an Meinungen, Auffassungen, Beobachtungen Ansichten, Hoffnungen, Ängsten, Forderungen, sehr persönlichen Bezügen ab.  Es ergaben sich auch sehr extreme und herausfordernde Positionen, was das Thema direkten oder versteckten israelbezogenen Antisemitismus anbelangt (Stichwort: Der Kolonialstaat Israel dürfte so gar nicht existieren), was mich  bei manchen Menschen, die ich eigentlich mag und schätze doch erschüttert hat. Ich habe  aber über dieses Konflikt- Thema mit manchen Menschen auch nie gesprochen. Sei es, weil es andere Themen gab, man grundsätzlich politische Themen vermieden, weil man schon ins Hintergrund etwas vermutete oder aus naiven Annahmen heraus. Obwohl ich bisher noch gar nicht soviel Interviews geführt habe, zeigt sich deutliche Gruppenbildung, selektive Wahrnehmung, der Einfluß aller möglichen sozialen Medien und die krasse Wiederkehr von alten Verschwörungslegenden. Oder wie ein junger Mann in einem Gespräch über seine sozialen Kontakte meinte: „Alles ist ok, solange, du nicht sagst, daß du Jude bist.“

Für Fragen und für Checks konnte ein  „Beirat“ gewonnen werden: Terry Swartzberg von „Jews for society“ und die Journalistin und Publizistin  Eva Haller.

Im Rahmen der Stadtteilveranstaltug „Open Westend“ im April habe ich dann eine Folge von halbstündigen Veranstaltungen in der eigenen Wohnung für interessiertes Laufpublikum durchgeführt. Das beinhaltete ein gewisses Risiko.

Zum Glück liefen diese Wohnzimmer-Sessions dann doch ohne Störungen ab. Der Besuch war unterschiedlich und sehr gemischt: Junge bis ältere Leute, größtenteils interessierte Personen, die mit der Problematik bewusst umgehen. Auch Personen, die sich selber auf dem Feld engagieren. Ich habe meine Vorgehensweise vorgestellt und beispielhafte Zitate aus den bisherigen Interviews vorgelesen, die ich collagiert und verdichtet hatte zu einer  Art „Diskussion“ von Menschen, die in Wirklichkeit nicht miteinander gesprochen haben, unter Umständen dies auch nicht tun würden.  

Bei einigen anschließenden Gesprächen mit Besucher*innen ergaben sich oft noch weitere Aspekte und auch Fragen oder Kritik, die ich dann in die nächste Session mit eingearbeitet habe. Historische Hintergründe und  Stationen der Münchener Stadtgeschichte im Zusammenhang mit Antisemitismus und Rassismus werden weiter recherchiert sollen dann in weitere Projektschritte einfließen . 

Auf alle Fälle werden die Interviews in einer neuen Serie fortgesetzt dann auch  mit Hilfe analysiert und eine  Form der Präsentation überlegt.

 

 

 

Die Mühlengeschichte, Theaterfassung im Oktober 23

Alle Aufführungs und Probenfotos: Franz Kimmel

LINK MÜHLENGESCHICHTE – VIDEO AUF YOUTUBE

WORUM ES GEHT:

Die 1930er-Jahre in den früheren Ostgebieten Deutschlands: NS-Gauleiter Koch will die große Mühlenanlage der jüdischen Familie Meyer „arisieren“. Familie Meyer wehrt sich lange gegen Boykott und Terror. Schließlich übernimmt ein neuer Inhaber die Mühlenwerke: Gutsbesitzer Georg Dabinnus. Familiengeschichten und Dokumente geben Raum für Spekulationen.  Mühlen-Inhaber Hans Joseph Meyer und Georg Dabinnus waren befreundet. Aber war nicht ein Dabinnus-Verwandter im Dienst des Gauleiters Spezialist für Arisierungen, der „Manager des Teufels“. Das Ehepaar Meyer wird nach Auschwitz deportiert. Auch viele andere Familienmitglieder werden umgebracht.
Zum Auftakt des Theaterprojektes „Die Mühlengeschichte“ kamen im Februar nachgeborene „Familienvertreter“ der Meyers und Dabinnus‘ im Theater HochX zusammen. Diese Geschichte beschäftigt beide Familien bis heute. Aus verschiedenen Blickwinkeln. Trotz guten Willens lauern im Schatten des Holocaust Verstrickungen, Abgründe und auch Fragen an uns selbst, wenn die alten Gespensterfratzen  in den sozialen Medien und analog wieder Haß und Hetze verbreiten.

VORARBEIT:

Aus einer Vielzahl von Briefen, Gerichtsakten, privaten Aufzeichnungen, Fotos und Archivdokumenten wurde fragmentarisches Spielmaterial  entwickelt.

PROBENARBEIT:

In den Probenphasen wurde das Material dann szenisch getestet. Wie man überhaupt schauspielerisch damit umgehen kann, ohne daß es „nur“ eine Art Lesung wird. Und auf der anderen Seite kann man es auch nicht einfach „spielen“, denn es gibt auch nur wenige „Szenen“. Also mußten wir eine eigene Art von „dramatisch-dramaturgischer“ Kombination von Textausschnitten herausfinden, in der in einer an sich irrealen Zeit und Raumgestaltung einzelne Textabschnitte miteinander in ein Gespräch kommen, in Konflikte und Fragen kommen.  So wurde  blockweise dann eine Textfassung weiterentwickelt.

In der Probenarbeit war es nicht einfach, eine gemeinsame Spielhaltung herauszuarbeiten,  den Blick von heute auf gestern. Kritisch, aber auch nicht vorschnell  urteilend. Immer im Kopf zu haben, wer wir selber gewesen wären. hätten sein können, uns verhalten hätten

.

Den Fragestellungen an die Geschichte und die Puzzlestücke mitsamt allen Spekulationen, Raum zu geben.  Und gleichzeitig die auf der Bühne vorgestellten Personen, mit ihren wenigen überlieferten „O-Tönen“, nur Skizzen von Personen aus der Vergangenheit, lebendig werden zu lassen.

RAUMGESTALTUNG:

Die Bühne- sozusagen ein begehbares und veränderbares Fotoalbum-  wurde zusammen mit Marlene Rösch entwickelt (Bühnen und Kostümbildstudium an der Akademie der bildenden Künste in München).

Die Foto- Elemente, vergrößert und auf Pappkarton aufgezogen, sollten neben den Schauspielern eine eigene Bilder-Landschaft ergeben.  In den Abschnitten des Abends werden einzelne Elemente auch zu Protagonisten und  werden im  Spiel Ordnungen der Fotoelemente gebildet.  Die  Fotos sind auch Stellvertreter: Der Zuschauer kann sich in ein Porträt vertiefen, während er einen Text über diese Person oder ein Zitat von dieser Person  hört.

Alle Aufführungs und Probenfotos: Franz Kimmel

weil du mir gehörst – Theaterprojekt

„Bedenken Sie, er hat getötet, was er am meisten liebte, gewähren Sie ein mildes Urteil!“ So plädiert der Verteidiger 1985 in Wien für Winfried B., der seine Lebensgefährtin Konstantina auf offener Straße mit einer Pistole hingerichtet hatte. 2013 dann der Mord an Saskia.  Er hat sich wiederum selbst zum Richter und Henker ernannt.

Eine „Beziehungstat“, wie es bis heute heißt. Auch in Kunst und Kultur ist „verirrte Liebe“ ein wiederkehrendes Motiv: Othello erwürgt Desdemona, Woyzeck ersticht Marie. Der Täter als tragischer Held, das Gemetzel eine Liebestat.

Aber was haben Konstantina und Saskia uns  noch zu erzählen?  Dabinnus arbeitet sich erneut durch Prozessakten, Befragungen, Notizen:  Bei den Recherchen zu Winfried B. und dem System, das ihn gewähren ließ, tun sich weitere Abgründe auf.

Durch ein Arbeitsstipendium des Kultureferates München konnten 2019/20 die Vorarbeiten für diese Theaterarbeit angegangen werden. Eigene poetische Texte von  Saskia Stetzer werden eingebunden, ebenso der Blog von Marion Zagermann, in dem sie über ihr Martyrium als Gefangene des Winfried R. berichtet und andere authentische Materialien.

In der Intimität des Theaters vermischen sich Zeit- und Raumebenen, wird verdichtet. Es gibt Kurzschlüsse  und Momente und Situationen werden neu beleuchtet.  Das Lügensystem, das dabei unter anderem zum Vorschein kommt weist bittere Parallelen zu Putin und der aktuellen Lage auf. Aber das nur „nebenbei“,  das ist ein anderer Gewaltschauplatz.

In diesem Theater-Spiel kann sich jeder in der Position des Täters oder des Opfers spiegeln oder als Freundin, Freund oder Vertreter:in von Law and Order.

 

„Flüsterzettel-Solo“

 

 

„Flüsterzettel-Solo“ ( Premiere Juni 2020 im HochX-Theater)

 Der gestreamte Videomitschnitt  des Solos  ( in einer Veranstaltung der ev. Kirche Herrsching in  Zus.arbeit m.d. ev. Akademie Tutzing)    Audiospur   aus dem Solo

 

INHALT: In den Zettelbotschaften, die sich  meine Eltern in der  Anfangszeit ihrer Beziehung schrieben -im Büro des BND in den 1950er Jahren- klingen zwischen den Zeilen, zwischen Liebessehnsucht, Alltagsbewältigung und Interna des Bürolebens auch alle Widersprüchlichkeiten der Zeitgeschichte an.
Diese Fragezeichen und Leerstellen greife ich  mit meinem „Flüsterzettel-Solo-Programm” auf. ( Eigentlich hätte eine Wiederaufnahme des Flüsterzettelabends gespielt werden sollen, so wurde durch Corona ein neues Format daraus. Das wechselte von „Flüsterzettel-Solo“ über „Zeitreise“ bis zu „Zeit-Reste“ ein paarmal den Titel  da sich auch die inhaltichen Schwerpunkte weiterentwickelten und entwickeln)

Ich wage als “Nachgeborener” eine sehr persönliche Zeitreise: Ich konfrontiere mich mit meinen eigenen bewussten und unbewussten Wahrnehmungen; in den 1960er und 70er Jahren, in meiner Familie und in meiner Umgebung:
Die “Reste von Gestern”, die Sickerspuren der Geschichte. Worüber gesprochen wurde und worüber geschwiegen werden musste.
“Du sollst nicht lügen” hieß es und doch musste ja gelogen werden. “Du sollst nicht töten” und doch war ja getötet worden, das Kind fragt lieber nicht danach.
Eines Tages stehe ich als Schüler am Bahnhof Herrsching und verteile Flugblätter: ”Freiheit für Rudolf Hess”, steht darauf. Ein Schulfreund hatte mich darum gebeten. Ich selbst wußte nichts von Rudolf Hess. Ein paar Jahre später nimmt mich als Jugendlicher eine Top Spionin der HVA, die in der Abteilung seines Vaters beim BND arbeitet, auf einen Skiausflug mit.  Und es gab ja auch noch den geliebten Kinder-Grossvater, den Oberst a.D. Filzinger, Artilleriekommandeur und im Einsatz bis weit in die Ukraine.

Und sehr viel später taucht plötzlich der Enkel einer jüdischen Familie aus dem früheren Ostpreußen auf und stellt Fragen zu seinen Grosseltern, die mit Familie Dabinnus vor dem Krieg eng befreundet waren.

Dafür habe ich Recherchen gemacht und Interviews geführt, die in Ausschnitten auch Teil des Programms sind.
Und es wird bei dieser “Rückschau” rasch klar, wie aktuell manche Themen und Fragen immer noch sind, beziehungsweise wie die “Reste von gestern” leider in unserem heutigen Leben wieder zu neuer Blüte kommen.

Von und mit Burchard Dabinnus
Raum: Marlene Rösch

 

Stipendium Textentwicklung „Weil du mir gehörst“.

Zwei Beispielexte für die Behandlung des dokumentarischen Textmaterial und dessen „Verdichtung“:

In der 1. Beispiel-Zusammenstellung sind diverse Aussagen/ Geständnisse des Winfried R.zur Tat in Wien und seinem Vorleben in Paderborn "umgeschnitten" worden. 

FALSCHE VORWÜRFE

( 3 Männer, wie im Gespräch untereinander, oder auch zum Publikum als auch untereinander, die Frauen stehen an verschiedenen Positionen, nehmen wahr, aber reagieren nicht)


MANN 1: All diese Vorwürfe, mich betreffend, treffen an keiner Stelle zu. Ich habe ja 20 Jahre ohne Makel gelebt. Wenn ich so abwegig, so krank wäre, müsste dort ja auch etwas vorgefallen sein. Nicht im Ansatz waren Messer im Spiel oder eine Bedrohung. Meine Frau könnte nichts anderes sagen.


MANN 2: Sie hat sich nicht um Kinder gekümmert. Dieser, Vorfall dieser angebliche: Sie ist so erschrocken und vom Balkon gefallen. Bedrohung mit Messer ist nicht zutreffend. Sie wusste, daß ich Messer besaß, als Zimmerschmuck. Sicher bin ich vielleicht verzweifelt gewesen. Es gab eine Besänftigung durch meinen Bruder.


MANN 3: Messer nicht gegen sie verwendet ….Habe Suizidversuch mit Barbituraten unternommen.


MANN 2: Keine Aussage, bis auf Nebensächlichkeiten trifft zu, zu keinem Zeitpunkt. So absurde Lügen. Als sie zum ersten Mal aufgetaucht sind, hätte ich sie leicht anzeigen können. Das hat nicht zugetroffen.


MANN 1: Hatte Vorfall gegeben, bei dem ich mich im Haus aufgehalten hatte und ihr Vorhaltungen gemacht hatte, sie sie sei keine fürsorgliche Mutter. Die Kindersachen schmutzig, der Haushalt… Sie ist in der Tat auf den Balkon und gesprungen und zur Nachbarin gegangen.


MANN 3: Ich wollte weder mit ihr schimpfen noch sonst etwas. Das war ein Unfall.


MANN 2: Sie wußte, daß ich Messer sammle. In den Urlauben Finnenmesser, in Kroatien Messer. Damit habe ich nichts gemacht, geschweige denn jemanden bedroht.Das ist eine unglaubliche Schilderung, die hätte ich ja kennen müssen. Meine Schilderungen sind wirklich war.


CUT

MANN 1: Ich kann es nicht erinnern, nur weiß ich, ich war zu tiefst verletzt, zu tiefst verzweifelt, kann mich erinnern von Mozart ein bestimmtes Stück gehört zu haben. Das hat dazu geführt, daß ich ein einziges Mal vielleicht ausgerastet bin.


CUT


MANN 1: Sie ist oft nicht nach Hause gekommen, hat auf Fragen ausweichend geantwortet. Diese Situation habe ich nicht verkraftet, habe im Zuge des Ausnahmezustandes Wutanfall gehabt.
MANN 2: Wurde verhaftet, habe Job verloren. Ein halbes Jahr später aufgrund Gutachten entlassen. Gelöbnis ihr sich nicht zu nähren.


CUT


( Männer vereinzelt, mit Pausen, alle verteilt im Raum, in Bewegung, eventuell chorografische Kontakt mit einzelnen Frauen. )


MANN 2: Insbesondere konnte ich erkennen, daß ihr Verhalten nur von Haß gegen meine Person geleitet wurde. Ich war durch diese Erkenntnis so schockiert, daß ich vorerst keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich und sie wußten, daß ihre, bei Gericht beigebrachten Anschuldigungen zum Teil zu Unrecht bestehen und sie ihren unrechten Weg, den sie gegen mich eingeschlagen hatte, weiterverfolgen muß.


MANN 3: Deswegen mußte sie mich immer aufs Neue belasten und neue Anschuldigungen vorbringen.


MANN 1: Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich Diana und ihre Mutter, die ebenfalls ihren Haß gegen mich versprühte, psychisch vernichten wollten.


MANN 2: Ich kam zu dem Schluß, wenn mir Diana und ihre Mutter jede weitere Zukunft verbauen wollen, daß ich da reagieren müsse.


MANN 1: Ich habe in Gedanken erwogen, Diana umzubringen, um von ihrem Haß befreit zu werden.


MANN 3: Als Tatwaffe sah ich in Gedanken eine Pistole vor mir und stellte mir das Bild vor, wie ich sie erschießen werde.


MANN 2: Von diesem Moment an, zog ich konkret in Erwägung, daß ich sie umbringen werde.


MANN 3: Und ich habe damit begonnen alle Vorbereitungen zu treffen,


MANN 1: damit ich dieses folglich einmal realisieren kann.


MANN 2: Ich machte mir Gedanken wie ich mir eine Waffe beschaffen könnte.


CUT

( rascheres Tempo, die Männer eng zusammen )
MANN 3: Generell ist zu sagen, daß ich Dianas Liebe wollte, nicht ihren Tod.


MANN 2: Ich habe kein Vermögen mehr, ich habe meinen ganzen Verdienst und mein Vermögen in Diana investiert.


MANN 1: Generell ist auch zu sagen, daß ich während der letzten beiden Wochen, insbesondere vor der Tat den Wunsch verspürte, Diana zu töten.


MANN 2: Ich diesen Wunsch aber stets nicht bewußt werden ließ.


MANN 3: Der Wunsch,begleitet von der Vision der Tat, daß ich Diana also mit einer Pistole niederstrecken würde, erschien mir als Befreiungsakt.


MANN 2: Eine seltsame Vorfreude erfasste mich, ein Gefühl, daß ich alsbald von einer mich erdrückenden Last befreit sein würde.


MANN 1: Melodien von Schlagern hörte ich innerlich.


CUT


(Männer bewegen sich in ein Off, schleichen sich heraus, sind dann noch über Mikro leise vernehmbar)


MANN 1: Ich weiß undeutlich, daß ich auf Diana geschossen habe, sehe ein verwaschenes Bild, wie sie auf dem Bürgersteig liegt, erkenne dabei aber nicht die geringste Verletzung oder gar Einschüsse. Einzelne Bilder kann ich lediglich vergegenwärtigen, wovon eines ist, daß ich den mir zu dem Zeitpunkt seltsam klingenden Knall der Pistole höre, allerdings nicht in einer Vielzahl…


MANN 3: ….so daß ich nicht weiß, wie oft ich gefeuert habe. Ich weiß nicht, wo ich örtlich die Schüsse auf Dianah abgegeben habe.


MANN 1: Diesen Mann zu verletzen war keine in irgendeiner Form geplante oder beabsichtigte Handlung. Ich wußte nicht, daß dieser Mann ein Kriminalbeamter war, wie mir später mitgeteilt wurde. Ich bedaure sehr,  jemanden verletzt zu haben, der sich in diese Angelegenheit einmischte, mit der Absicht zu helfen und Unheil zu verhüten.


MANN 2: Hatte Pistole eingesteckt. Hatte sie gesehen, bin auf sie zugelaufen, habe sie erschossen. Habe nicht wahrgenommen, sie war in Begleitung ihres Sohnes. Habe Diana leider tötlich getroffen. einen Polizeibeamten verletzt mit Messer.
( Zwei der Frauen fallen plötzlich zu Boden, sacken zusammen, ohne die Situation einer Tat nachzuspielen)
MANN 3: Ich habe am Freitag gegen 17.oo Uhr, meine frühere Lebensgefährtin Konstanina vor ihrem Wohnhaus in Wien, nachdem ich dort auf sie gelauert hatte, ·mit meiner Pistole, Marke FN, Kaliber 7,65 mm, erschossen.


MANN 2: Im Vordergrund meiner Tat stand Rache. Sie hat mich angezeigt und deswegen war ich eingesperrt. Sie hat auch meine Persönlichkeit zerstört.


MANN 1: Den Mann, der mich hindern und halten wollte, habe ich angeschossen und beim Handgemenge mit meinem Messer niedergestochen. Dieses Messer wurde mir bei meiner Verhaftung abgenommen.


CUT/ MUSIK/ BLENDE

Die 2. Beispiel-Zusammenstellung nimmt Bezug die Verhandlung, die 1985 in Wien stattfand, nachdem Winfried R. Konstantina Ulitsch auf offener Strasse erschossen hatte. 

ES WAR LIEBE

(…)

Stimme ( Verteidiger ) – Eine Beziehungstat. Sie hat ihn provoziert.
Stimme (Staatsanwalt ) – Ich beantrage Schuldspruch und schuldangemessene Strafe.
Stimme ( Verteidiger ) -Ich bitte um ein mildes Urteil.
Stimme (Angeklagter) – Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an.

CUT

Stimme ( Geschworene) -Hat Winfried Ratajczak am l0. 2. 1984 in Wien sich in einer allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung dazu hinreißen lassen, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von vier Schüsse zu töten?
Stimme ( Geschworene) – Eventualfrage entfällt.
Stimme ( Geschworene) – Bei der Strafbemessung ist mildernd: Stimme ( Geschworene) – das Geständnis des Angeklagten hinsichtlich des unerlaubten Waffenbeszitzes-
Stimme ( Geschworene) – sowie eine gewisse durch psychopathische und neurotische Züge geprägte Persönlichkeit des Angeklagten.
Stimme ( Geschworene) – Erschwerdend das Zusarnmentreffen eines Verbrechens und dreier Vergehen,
Stimme ( Geschworene) – die Begehung der Tat entgegen dem, dem Angeklagten auferlegten Verbot, Konstantina Ulitsch zu kontaktieren
Stimme ( Geschworene) – sowie die aus dem Tatablauf hervorgehende Massivität der Tat.
Stimme ( Geschworene) – Der Abgabe eines Kopfschusses aus maximal 10 cm Entfernung,
Stimme ( Geschworene) – die langfristige Überlegung der Tat.
Stimmen ( Geschworene) – Verbrechen des Mordes, Vergehen der schweren Körperverletzung, Vergehen des unerlaubten Waffenbesitzes

CUT

Stimme ( Kommentator) – Anwalt und Angeklagter flüstern intensiv.

CUT

Stimme ( Verteidiger)- Meine Damen und Herren, wie auch immer sie urteilen werden, ob auf Mord oder Totschlag, bedenken Sie, er hat den Menschen getötet, den er am meisten geliebt hat!


CUT
Stimme (Richter) – Hat Winfried Ratajczak am 10.2. 1984 in Wien, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von 4 Schüssen vorsätzlich getötet?
Stimme ( Kommentator) – Sechs Geschworene stimmen mit Ja. Zwei Geschworene sind nicht überzeugt von einer Tötungsabsicht und stimmen mit nein.

CUT
(Klingel, Stille)

Stimme (Richter) – Winfried Ratajczak ist schuldig. Das Urteil ergeht auf 20 Jahre
Stimme ( Kommentator)- Auch ein Lebenslänglich wäre möglich gewesen?
Stimme (Richter) – Letzlich ist die verhängte Freiheitsstrafe schuldangepaßt und entspricht diese auch spezial sowie generalpräventiven Anforderungen.

CUT

Stimme ( Verteidiger)- Was man manchmal vor Gericht sagen muss.

CUT / BLENDE/MUSIK

(…)

Daniil Charms: Nehmen Sie die Untersuchungspille!

 

„Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht.“

Daniil Charms.

 

am Sonntag , den 3.7. und am Mittwoch, den 6.7., jeweils um 19.00  im Rahmen des 10. inklusiven –GRENZGÄNGER-THEATERFESTIVAL : 

„Nehmen Sie die Untersuchungspille!“

(Ein Daniil Charms-Abend, den ich 2019/20 mit Mitgliedern des „Theaters Apropos“ erarbeitet habe)

AKTUALITÄT UND HISTORISCHER HINTERGRUND:                             In der aktuellen politischen Situation rücken die Texte und das Leben des Leningrader Künstlers Daniil Charms in ein scharfes Licht.

Putins aggressiver Machtanspruch nach aussen, seine diktatorische Willkür im Inneren des russischen Staates. Propagandalügen, Manipulationen, Verhaftungen oder gezielte Morde.

Vor 80 Jahren „verreckte“ -so muss man es sagen- Daniil Iwanowitsch Juwatschew, wie Charms mit vollem Namen hieß. Er schrieb dramatische und poetische Texte, war Mitglied einer experimentellen Theatertruppe, stand auch selber auf der Bühne. Ein Avantgardist aus den Leningrader Künstlerkreisen, so wie seine Bekannten Shostakovitsch oder Malewitsch. Einer, der sich keiner Ideologie oder verordneter Staatskunst anpassen wollte, der sich als Russe und Europäer sah, der der deutschen, französischen, russischen Literatur und Kunst verbunden war.  

Charms` Vater hatte als Anarchist gegen die Willkür des Zarenreiches gekämpft. Nach der Oktoberrevolution erfüllte sich nur kurze Zeit die Hoffnung auf ein neues freies Leben. In den 1930er Jahren wurde Charms -wie viele andere Künstler- vom stalinistischen System ins Abseits gestellt. 1939 erfolgte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Ein Diktator überfiel den anderen und Hitlers Wehrmacht attackierte Leningrad, das frühere St. Petersburg. Die Stadt sollte auf Befehl des Führers mit Bomben und Blockade ausgehungert und vom Erdboden getilgt werden. Zweieinhalb Jahre lang ging das. Eine Million Menschen verhungerte.

Wladimir Putin kam dort ein paar Jahre später auf die Welt. Auch seine Familie war Terror und Tod ausgeliefert gewesen. Und jetzt dreht er selber die Gewaltspirale immer weiter.

Daniil Charms‘ künstlerische Offenheit, sein absurder Humor, sein literarischer Ideenreichtum zeichnen ihn bis heute aus. Er liefert ein Feuerwerk aus abgründigen Dialogen, grotesken oder poetischen Geschichten, berührenden Tagebucheinträgen. Die Schikanen des Systems zeigen darin ihre Fratze. Charms versucht seine verzweifelten Späße darüber zu machen, will die Gespenster zu verjagen.

„Ein überaus kluger Mensch ging in einen Wald und verirrte sich darin“, schreibt Charms fast beiläufig. Die Charakterzüge dieses eigenwilligen Autors, bei dem Kunst und Leben sich nicht voneinander trennen lassen, seine Lebenslust und Lebensangst, sein Spaß an Verstellung und Satire werden vom Ensemble auf sehr persönliche Weise wiedergegeben.

kurzer Trailer:

 

Kritiken der Tageszeitungen:

 

 

Daniil Charms, Biografisches:

Unter diesem link finden sich ausführliche Infos zu seinem Leben und Werk: https://umsu.de/charms/texte/indexl.htm

ebenso bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Daniil_Charms

Zeitgeschehen:

Gulag
https://www.youtube.com/watch?v=nZCpbSQeXT4

Stalin, Der Mythos – YouTube

https://www.google.com/search?client=firefox-b-e&q=Stalin+Der+Mythos+-+YouTube

Theater Apropos                                                                                                           Seit einigen Jahren ist im Tams-Theater- in Zusammenarbeit mit dem Verein „Ariadne“- die inclusive Theater-Truppe „Theater Apropos“ beheimatet. Infos zu Theater Apropos und Ariadne

 

Tams -Theater

 Als Darsteller am TamS Theater:

https://tamstheater.de/archiv

in Inszenierungen von und mit Gerd Lohmeier: „die Blusen es Böhmen“ ( Gernhard Texte)

„Weltuntergang-Riesenblödsinn“  ( Valentin -Texte)

„Geschichten aus dem Wienerwald“ ( Horvath)

„Kellner L ear“  (Urs Widmer)

„Er nicht als Er“ (Elfriede Jelinek)

„Schade um die Hasen, obwohl“ ( Beate Faßnacht   /R. Lorenz Seib 2016)

„die Opppelts haben ihr Haus verkauft“ (R: Judith von Radetzky 2015)

„Traumbürgerhochzeit“ ( von Maria Peschek, 2015)

„Brandstifterei“ ( nach Max Frisch, Regie :Lorenz Seib  2014)

„Tür auf, Tür zu“ von Ingrid Lausund ( Regie: Judith von Radetzky 2013)

eigene Autorenarbeiten am TamS:

-„Aus besonderem Anlaß“ (2005)
-

“ Jack the worst“
-

„die Kathedrale der Gehirne“

„Mr.Brain“ (2001)
„

Nix zu lachen“ – eine Trash-show- ( 2014)

Regie u.a. bei ;

“ Untertagblues“ ( 2007) von Peter Handke
mit Jörg Hube und Sara Camp.

*Wer Sprache benutzt muss mit Konsequenzen rechnen“                         ( 2004 )Friedhelm Kändler

Tür auf, Tür zu von Ingrid Lausund

 

Katja Amberger, Burchard Dabinnus und Lorenz Seib
Foto: Hilda Lobinger

Nachträge zum Projekt: „Mit der Zeit werden wir fertig“ (2011)

 

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Nach wie vor aktuell ist die Situation, die unsere Generation garade in die Rolle der Pflegenden unserer Eltern bringt. Wie kommt man in zunehmend losen sozialen Zusammenhängen damit klar?

Wie kommen die Alten und Alt-werdenden damit klar, daß sie zunehmend nur noch verwaltet werden, daß auf 20 Senioren, zwei Pfleger kommen, wenn sie nicht zuhause von oft überforderten Angehörigen gepflegt werden können

Von vielen Seiten hört man ähnliches:  wird man nach polnischen Pflegerinnen gefragt und nach den Erfahrungen in Krankenhäusern mit speziellen geriatrischen Abteilungen. Manche unserer Eltern sind schon bei Pflegestufe 3 angekommen, bei anderen machen sich erste demenzielle Veränderungen bemerkbar usw.#

Wie wird es uns, unseren Kindern gehen, wenn keine neuen gesellschaftlichen Modelle und Alternativen entwickelt werden?

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Untenstehend einige Zitate, aus denen wir ein paar in unserer Produktion verwendet haben.

Zitate aus einem Artikel in der ZEIT  „Damit  die Würde bleibt“                                           (12. Mai  2011  Autor : Thomas Vasek)

 

An  schlechten  Tagen  , erzählt  er ,  steige  die  Angst in ihm hoch . Dann  kommt  es vor , daß wieder etwas abbröckelt , dass ihm Namen , Orte und Begriffe velorengehen .
Er sucht  die Schlüssel , das Handy , das Portemonnaie ; lässt  die  Einkaufstüte im Supermarkt  liegen
oder bringt die  falschen Dinge  nach Hause .An guten Tagen malt er , geht mit Freunden spazieren
– oder berichtet anderen von seiner Situation .

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So  hatte  eine  scheinbar völlig apatische Heimbewohnerin  zeitlebens ihren  Beruf  als  Schreibkraft geliebt .
Als ihr die Forscher eine alte Schreibmaschine und Papier gaben, fing die Frau nach  kurzer Zeit an zu tippen,
bis am Ende alle Blätter vollgeschrieben  waren . Auf dem Papier  stand zwar  nur Buchstabensalat .
Doch als  die  Frau das letzte Blatt  ausgespannt hatte, atmete  sie tief ein,
strahlte plötzlich  über das ganze Gesicht und sagte nur : “ Da hast du aber was weggeschafft .“

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Ich  reiche  Herrn  Gabler  und seinem Tischnachbarn  gleichzeitig das Essen an .
Herr Gabler  hat einen Meisterbrief als Glaser im Zimmer hängen .
Als er vor fünf Jahren ins  damals neu eröffnete Haus im Park kam, war er noch ein flotter Tänzer .
Dann  mussten ihm infolge einer Diabeteserkrankung beide Beine amputiert werden .
Heute wirkt er auf den flüchtigen Betrachter wie ein auf den Stoffwechsel reduzierter Körperrest .
Nähere ich mich ihm mit einem Löffel, reißt er den Mund auf und verschluckt unterschiedslos
große Mengen an Nahrung . Nach dem Desert scheint er – mit weit offenem Mund-  zu schlafen .
Sacht und etwas verlegen drücke ich seine Schultern .
Da reißt er die Augen auf und schaut mich so – ja : privat – an, daß mir die Tränen kommen .

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Seit fünf  Jahren redet Herr Barnstedt nicht  mehr . Doch an seinem 90. Geburtstag drehte er sich
ohne erkennbaren Auslöser zu seiner Frau und  sagte :“ Hallo, was machtst  du denn hier? “
Seitdem hat er bloß hin und wieder “ schöne wache Augen“, sagt seine Frau .

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Die notorisch hungrige Frau Rundersdorf hat da überall am Kuchen genascht ;
die winzige  Frau Erlenbruch windet sich in unbeobachteten Momenten die Girlande  um den Kopf .

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Frau Vogel wird  als  Letzte in ihrem Rollstuhl hereingefahren .                                        Sie  ist  deutlich noch kein Fall  für  die Palliativ-versorgung . Sie beobachtet  und spricht. Gegenüber allen, die ihr näher kommen, ob  beim Ankleiden,beim Blutzuckermessen
oder beim Essen- anreichen, ist  sie grundsätzlich ausgesprochen biestig . Sie schlägt und spuckt .
„Sie haben  heute  Geburtstag Frau Vogel!“
-„Das ist mir  doch egal, du Arsch !“
Das anwesende Personal singt, was in dieser Situation durchaus verrückt klingt :        „Zum Geburtstag viel Glück!“

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Generell  versucht man, das Gewicht von Demenzkranken  auch in einem späten Stadium auf dem gleichen  Niveau zu halten.
Kann Gewichtsverlust nicht verhindert werden, wird meist, falls  keine Patientenverfügung das ausschließt, eine  Magensonde eingesetzt.
Das schreckliche Wort vom Verhungern reicht fast immer, jede ethische Diskussion zu beenden .
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Zukünftig wird  es  immer mehr Demenzkranke geben. Das liegt nicht daran, dass die Krankheit sich wie eine Infektion  ausbreitet .
Der Anstieg ist  schlicht die Folge unserer Wohlstandsgesellschaft, die uns ein längeres  Leben  beschert.
Die Wahrscheinlichkeit an einer Form der Demenz zu erkranken, steigt mit fortschreitendem Alter.

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(….)Traditionell sind  unsere Konzepte  von Autonomie und Personalität eng geknüpft an  das Vernunftsvermögen .
Nach Kant ist es  die Vernunftsfähigkeit, die Menschen von  den Tieren unterscheidet- und letztlich ihre Würde begründet( …..)

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Zitate  aus  Arno  Geigers  Buch :  Der  alte  König  in  seinem  Exil .

….Diese  Toten  dürften  jahrelang im  Dunkeln  weitergflüstert  haben, Tote, die flüstern, tun es  eindringlich  und  eigensinnig .
Würde  abgestimmt, was  schöner ist, tot  oder  lebendig, würden die Toten, die in  der Mahrheit  sind  für  den Tod votieren .

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….gab es  immer öfter Tage , an  deren Ende alle  reif  für  die Zwangsjacke  waren .

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In  einem Klima  des  Unberechenbaren  war die Spannung teilweise kaum zum  Aushalten( ….)  , die  verfahrenen Beziehungen zwischen dem Vater und  einzelnen  seiner
Betreuerinnen lieferten  der  Krankheit zusätzliche  Nahrung . Die  Betreuenden  stießen rasch  an ihre Belastungsgrenzen, das wirkte  sich  negativ auf  den Vater  aus.
Die Abwärtsspirale  drehte  sich. Das ging  schon in  der Früh los, man konnte ihm  nichts recht machen, das erste, was  der Vater sagte, war  von  der Art :
„Wenn  du wüßtest,  wie  ich hier mißhandelt werde .“

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Seit  einiger  Zeit konnte  er  den  Fernseher nicht  mehr  als  eigene  Realität erkennen . Er fragte, wie  es  sein könne, dass dort, wo er hinschaute, das eine Mal ein ihm unbekanntes Zimmer zu sehen war und im nächsten Moment  ein Auto .
„Wie kommt jetzt das Auto hier herein?“

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-Papa, was war die glücklichste Zeit in deinem Leben?
-Als  die  Kinder klein waren
-Du und  deine  Geschwister ?
-Nein , meine  Kinder .

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– Weißt  du, ich bin  auch schon ein älterer Knabe. Dagegen bist du ein junger Hupfer.
– Wo du recht hast , hast  du recht .
– Da ist einiges an mir alt  geworden
-Aber so alt man wird, man lernt immer noch etwas  dazu.
– Ich  nicht, leider . Bei mir ist nichts mehr drin. Und ich wäre sehr froh, wenn ich bald-bald-bald- hier nicht mehr einspringen müsste. Ich würde lieber ein Stückchen  gehen und nichts tun.
– Du darfst nichts tun soviel du willst .
– Wenn  du wüsstest . Ständig muß ich Sachen zusammenwinkeln.
Aber ich will  bald  damit aufhören.