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weil du mir gehörst – Theaterprojekt

„Bedenken Sie, er hat getötet, was er am meisten liebte, gewähren Sie ein mildes Urteil!“ So plädiert der Verteidiger 1985 in Wien für Winfried B., der seine Lebensgefährtin Konstantina auf offener Straße mit einer Pistole hingerichtet hatte. 2013 dann der Mord an Saskia.  Er hat sich wiederum selbst zum Richter und Henker ernannt.

Eine „Beziehungstat“, wie es bis heute heißt. Auch in Kunst und Kultur ist „verirrte Liebe“ ein wiederkehrendes Motiv: Othello erwürgt Desdemona, Woyzeck ersticht Marie. Der Täter als tragischer Held, das Gemetzel eine Liebestat.

Aber was haben Konstantina und Saskia uns  noch zu erzählen?  Dabinnus arbeitet sich erneut durch Prozessakten, Befragungen, Notizen:  Bei den Recherchen zu Winfried B. und dem System, das ihn gewähren ließ, tun sich weitere Abgründe auf.

Durch ein Arbeitsstipendium des Kultureferates München konnten 2019/20 die Vorarbeiten für diese Theaterarbeit angegangen werden. Eigene poetische Texte von  Saskia Stetzer werden eingebunden, ebenso der Blog von Marion Zagermann, in dem sie über ihr Martyrium als Gefangene des Winfried R. berichtet und andere authentische Materialien.

In der Intimität des Theaters vermischen sich Zeit- und Raumebenen, wird verdichtet. Es gibt Kurzschlüsse  und Momente und Situationen werden neu beleuchtet.  Das Lügensystem, das dabei unter anderem zum Vorschein kommt weist bittere Parallelen zu Putin und der aktuellen Lage auf. Aber das nur „nebenbei“,  das ist ein anderer Gewaltschauplatz.

In diesem Theater-Spiel kann sich jeder in der Position des Täters oder des Opfers spiegeln oder als Freundin, Freund oder Vertreter:in von Law and Order.

 

Die „Mühlengeschichte“

PROJEKT- URSPRUNG, AKTUELLER STATUS

In meiner Arbeit „Flüsterzettel“ wurde eine ungeklärte Familienangelegenheit aus der NS-Zeit thematisiert. Es ging um die Übernahme eines jüdischen Großbetriebes durch meinen Großvater, im früheren Ostpreußen, im Jahr 1939, die „Bartensteiner Mühlenwerke“. Natürlich drängt sich zuerst der Gedanke auf, dass diese „Betriebsübernahme“ eine Arisierung zu Gunsten der Familie Dabinnus und anderer ehemaliger Mühlenkunden war.
Es gibt widersprüchliche Erzählungen und Dokumente bei den Nachkommen verschiedener Familien.
Der Inhaber und Geschäftsführer dieses Betriebes,  Dr. Hans Joseph Meyer, war mit meinem Großvater befreundet, so die Legende und es könnte sich bei der Übernahme auch um den Versuch einer „Tarnung“ des Besitzes gehandelt haben. Allerdings ist diese Sichtweise vielleicht eher dem Wunsch nach familiärer Entlastung entsprungen.

Das Thema habe ich in einem Solo im Theater HochX im Juni 2020 noch weiter ausgearbeitet. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung  (  SOLO  ZEIT- RESTE ca. bei Min. 32.00 im Video, bei 36.30 im Audio ) entstand  die Idee, die Fragestellungen dieser Geschichte zu einem öffentlichen Projekt auszugestalten. Durch ein Stipendium der GVL konnte ich im Corona-Herbst 2021 intensiv an Umsetzungsmöglichkeiten arbeiten. Ein Förderungsantrag beim Kulturreferat der Stadt München auf Projektförderung wurde inzwischen positiv beschieden. So ist ein Teil des Projektes finanziell gesichert und es können weitere Anträge u.a. bei der Kulturstiftung des Bundes gestellt werden.

ZEITSCHICHTEN

“ Sie sind ein hohes Risiko eingegangen und haben am Schluss noch die schöne Mühle übernommen“

So verschlüsselt ein Bekannter des Großvaters die „Mühlenangelegenheit“ in einem Nachkriegs-Brief. War die „Übernahme“ der freundschaftliche Versuch das Vermögen der Familie Meyer zu tarnen?  Oder war es schlicht eine „Arisierung“, so wie tausende andere damals im NS-Staat, eine Enteignung zum Schleuderpreis?

Denn ein „Onkel Bruno“,  ein Dr. Bruno Dzubba  gehörte zum erweiterten Verwandtenkreis.  Dr. Dzubba spielte im Macht-System des ostpreußischen Gauleiters  Erich_Koch eine üble Rolle als Enteigner.  Bis weit in die Ukraine reichte nach dem Überfall auf die Sowjetunion dessen Machtapparat. Die hemmungslose Bereicherung der sogenannten „Erich-Koch-Stiftung“ hatte maßgeblich auch „Onkel Bruno“ mitorganisiert.

 „Die schmutzige rechte Hand des Gauleiters“

So nennt  ihn Marion Dönhoff 1949 in der ZEIT.  Bei Recherchen u.a. im Landesarchiv Schleswig-Holstein stellt sich heraus, daß mehrfach in der unmittelbaren Nachkriegszeit versucht wurde, ihn vor Gericht zu bekommen. Alle diese Versuche scheiterten, es gab viele Vorwürfe und Beschuldigungen, aber wenig „Beweise“.  Und schließlich ließ man mit Beginn der „Schlußstrich“-Politik, Anfang der 1950er Jahre Gras darüber wachsen. Dr. Bruno Dzubba arbeitete unauffällig als Steuerberater, heiratete in eine Fabrikantenfamilie.

Was und und ob er etwas mit den Vorgängen um  die „Bartensteiner Mühlenwerke“ zu tun hatte, ist bisher ungeklärt. Weiteres Material dazu muß recherchiert werden.

Mühleninhaber Dr. Hans Joseph Meyer, der Deutschland nicht verlassen wollte und versuchte in Berlin den sich abzeichnenden Untergang des 1000-jährigen Reiches abzuwarten und seine Frau  Lotte-Frieda waren im Juni 1943 für einen Transport nach Auschwitz vorgesehen, wurden kurzfristig nach Theresienstadt “umgebucht“.  Angeblich holte man Dr. Hans Joseph Meyer aus Theresienstadt und sogar noch aus Auschwitz zur Beratung seines früheren Betriebes.

Dr. Hans Joseph Meyer, Lotte Frieda Meyer, geb. Baerwald

 

Fotos der teilweise noch bestehenden Gebäude aus dem Dezember 2021 von Joanna Jakutowicz

Dann endete das Ehepaar Meyer, ebenso wie andere Mitglieder dieser jüdisch-deutschen Familie, in Auschwitz.

“Ich war auch mit einem Mitglied der Familie befreundet, es war Hans Joseph Meyer, der in Auschwitz vergast wurde”

– so der Großvater Georg Dabinnus 1964 in einer eidesstattlichen Erklärung.

Er stand später in Kontakt mit einem überlebenden Mitglied der Familie Meyer in London. Es ging um Ausgleichszahlungen für verlorenen Besitz, eben um die “Mühlengeschichte”. Eine Angelegenheit zwischen den Familien bis heute.

Meyer Enkel Billy suchte 2006 Jahre den Sohn des Gutsbesitzers Georg Dabinnus auf.  Georg Dabinnus junior ist allerdings zu diesem Zeitpunkt auch bereits Mitte achtzig .  Billy Meyer versucht auch noch in einem zweiten Anlauf konkretere Fakten zu der Übernahme und den genauen Vorgängen zu erfahren. Leider ohne Erfolg.

Billy Meyer und Burchard Dabinnus sind beide “Erben” dieser „Familien-Angelegenheit“ im Kontext der Zeitgeschichte.                      In der  Familie  des Autors hat man ab und dann den                                       (fast entschuldigenden)  Satz gehört:

“Wir hatten ja auch jüdische Freunde”.

Aber auf der Aufnahmekarte der NS-Frauenschaft hat die Großmutter 1933 mit ihrer Unterschrift erklärt  sie sei:

„deutsch-arischer Herkunft und frei von jüdischem oder farbigen Rasseeinschlag“

Bitterer Kaffeesatz der „Reste von Gestern“.

MÜHLENGESCHICHTE ALS BEISPIEL

Kann diese „Familienangelegenheit“, die sich vielleicht nie wirklich aufklären lässt, als Fragestellung oder Versuchsanordnung für das Jetzt und Heute dienen? Außer lediglich eine weitere von zahllosen wabernden familiären NS-Verstrickungs oder Entlastungslegenden zu sein?

In einem erweiterten Rahmen kann sie ein Beispiel, Katalysator, eine Folie und auch Aufforderung sein.  Ein ganzes Themenbündel von alten und neuen gesellschaftlichen Realitäten ist, durch verschiedene Zeitschichten hindurch, darin verknotet: Widersprüche, Legenden und Schweigeverpflichtungen und der Wunsch nach Entlastung und Freisprechung der eigenen Vorfahren.

Was entwickelt sich, wenn man den Ort im heutigen Polen miteinbezieht, wo die Gebäude der Meyerschen Mühlenanlage heute noch stehen?  Wenn man die Geschichte des Gebäudes dort vor Ort erzählt, die Reaktionen sammelt, so die Ebenen von Gestern und Heute verknüpft und zusammen mit weiteren Recherchen in einer Theaterperformance bündelt?

Dann stehen wir gleichzeitig in polnisch-jüdisch-deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Kulturell wie politisch. Und in den „Resten von Gestern“, die auch wieder Realität von heute sind:  Alter und neuer Antisemitismus hier wie dort (In den Verschwörungstheorien der Coronaleugner ist der offene oder versteckte Antisemitismus auch wieder ein beliebter Topos: die Welt wird von reichen und mächtigen Juden gesteuert). Außerdem Fragen nach Begriffen wie Kultur, Heimat, Eigentum, Nation. Eigene familiäre Verlusterfahrungen und Migrationserfahrungen, Prägungen, Vorurteile oder das Familienschweigen und der Umgang mit Geschichte.

Mit diesen Fragestellungen soll eine Veranstaltungsreihe an verschiedenen Orten in Deutschland und Polen konzipiert werden. Ergebnisse dieser „Feldforschung“ werden dann in die finale Theaterbearbeitung eingebracht werden.

VERANSTALTUNGEN

Die Veranstaltungen sollen jeweils aus einem informativen Teil (in Zusammenarbeit mit Billy Meyer und einem Team aus Historikern und Public-History-Studenten) und einem künstlerisch-subjektiven Part bestehen : Basierend auf dem bislang verfügbaren Material und den möglichen Interpretationen sollen die schauspielerischen Mitwirkenden unterschiedliche Positionen zum Thema spiegeln.

Nach den weiteren (mit optionaler Unterstützung von verschiedenen Organisationen, Institutionen und Stiftungen, die im polnisch-jüdisch-deutschen Themenfeld tätig sind) zu organisierenden Veranstaltungen und Recherchen findet dann im HochX eine Theater-Performance statt, die alle bis dahin erarbeiteten Ergebnisse aus Materialien, Gesprächen und Dokumente, Diskussionen und Interviews in einer Bühnenform „verdichtet“.

 

FORMALE/ INHALTLICHE GESTALTUNG

Die einzelnen Puzzlestücke werden zusammenlegt, in komprimierter Form im Bühnenraum verhandelt und zur Disposition gestellt. Es geht nicht darum, Urteile zu sprechen, es geht auch nicht darum Entlastungen oder Verständnis auszusprechen.

Ein Mehrspurverfahren, eine Vielstimmigkeit soll entwickelt werden: Briefe, Dokumente, Aussagen und Meinungen von gestern und heute werden auseinander und aneinandergeschnitten auch wenn sie zeitlich-historisch nicht zusammengehören. Es entsteht ein collagiertes Geflecht, ein eigener Raum von Verknüpfungen durch verschiedene Zeitebenen und Generationen hindurch. Die Elemente treten miteinander in Dialog, stellen sich gegenseitig Fragen, eröffnen Zwischengedanken und Perspektiven.

Ein Auschnitt eines Briefes aus der Vergangenheit begegnet beispielsweise dem Gedanken aus einem Interview aus dem Polen von heute.  Ein Foto trifft auf ein amtliches Schreiben. In der Theaterform wird Widersprüchliches, auch „Unpassendes“ zusammengefügt. Dem Zuschauer soll keine Interpretation vorgegeben werden, kein bequemer moralisch-ethischer Sessel hingestellt werden, auf dem er automatisch auf der richtigen Seite Platz nehmen kann.  Wiederholungen von Sequenzen in einem veränderten Kontext oder einer anderen Färbung fordern Widersprüchlichkeiten heraus, die nicht zur einen oder anderen Seite hin aufgelöst werden sollen. So bleibt die Selbstüberprüfung jedem einzelnen überlassen.

Das Ganze soll kein abstrakter und statischer Vorgang sein, kein Diskussionstheater als frontale Konfrontation.

In einer entsprechend modifizierten Version soll die Theater-Performance dann auch in Polen gezeigt werden. Dafür werden einzelne Elemente übersetzt und vor Ort -in einer Kombination mit dortigem künstlerischem Personal in die in entsprechenden Räumlichkeiten übertragen.

„Schließlich haben wir die Kontingente nicht direkt vom Juden gekauft“.

Ein O-Ton aus einem Nachkriegsbrief der 1960er Jahre. Benutzt der Großvater absichtlich diesen Jargon? Rutscht ihm da etwas heraus? Oder nimmt er diese Formulierung, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er hätte sich bereichert?

Die Mutter des Schriftstellers Joachim Höll, Tochter des Königsberger Regierungspräsidenten Angermann, sagt zu ihrem Sohn, der Dokumente zu seinem Großvater ausfindig machen will, er solle

„nicht das Ansehen des Großvaters beschmutzen!“

VERNETZUNG

Alle Veranstaltungen bauen aufeinander auf, beziehen die Ergebnisse von Recherchen, Interviews und Diskussionen der vorangegangenen Veranstaltungen mit ein und sollen jeweils zweiteilig und teilweise auch zweisprachig sein. Es gibt in jeder Veranstaltung einen informativen-interaktiven Teil als Workshop-Format und einen künstlerischen Teil in Form von Theater, Performance, Lesung oder Video. In München ist dann die Auftakt und Abschlussveranstaltung als Theaterprojekt geplant und in das Gesamtprojekt als Baustein eingebettet.

In Polen in Bartoszyce/ Bartenstein, am Ort der Mühlenanlage und unweit davon, in Olsztyn/Allenstein,  steht, als letztes Zeugnis jüdischen Lebens in dieser Gegend  (der jüdische Friedhof ist heute Teil einer Mülldeponie), das „Mendelssohn“- Haus, ein ursprüngliches Gebetshaus, das von der NGO Borussia renoviert wurde und für Veranstaltungen genutzt wird. Auch dort soll es eine Start und eine Abschluss Veranstaltung geben. Die in München erarbeiteten Theaterelemente werden nicht als „Gastspiel“ exportiert, sondern für diese Orte wird eine adäquate Umsetzung, auch unter Beteiligung von regionalen Mitwirkenden entwickelt werden. Interaktiv-informative Workshop und Gesprächsformate begleiten die Veranstaltungen. In die Präsentation von Dokumenten und Recherche-Ergebnissen sollen Fachleute aus historisch-wissenschaftlichen Bereichen, mit denen bereits seit längerer Zeit ein Austausch über die Fragestellungen des Projektes besteht, einbezogen werden, ebenso Studenten des Masterstudiengangs „Public History“ an der FU-Berlin.

So werden (generationenübergreifend und im deutsch-jüdisch-polnischen Kontext) die Fragestellungen der „Mühlengeschichte“ auch Feldforschung sein. Die Fragen, die wir an die Vergangenheit stellen müssen, sollten wir auch an uns selber stellen.

Kontakte, Fachberatung, Projektunterstützung

Zur weiteren inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung bestehen Kontakte zu weiteren Mitgliedern der Familie Meyer-Graetz, zum „NS -Dokumentationszentrum München“ zu Dr. Ruth Leiserowitz, die am DHI in Warschau forscht. Außerdem wird die NGO Borussia in Olsztyn/Polen aktiv als Kooperationspartner tätig sein. Die NGO Borussia ist in Kultur und Bildungsarbeit tätig. Das Projekt steht ebenso im Kontext der gegenseitigen Verständigung.

Fachleute wie die Historiker Dr. Christian Rohrer aus Berlin, Dr. Iris Nachum aus Tel Aviv werden im Hintergrund weitere Archivrecherchen begleiten und Ergebnisse analysieren. Zur weiteren Finanzierung des Gesamtprojektes sind Anträge an die “Kulturstiftung des Bundes“ und/oder die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ geplant. Eine Zusammenarbeit mit dem „Institut für angewandte Geschichte“ in Frankfurt an der Oder ist ebenso avisiert wie eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem „Kulturforum östliches Europa“ und dem Dokumentationszentrum in München.

Das Projekt soll im gesamten Verlauf im Netz auf einer eigenen Website dokumentiert und in Audio/ Video und Textformaten vermittelt werden.

Nach Jahrzehnten des Familienschweigens und Vergessens können private Dokumente und Materialien aus Archiven vielleicht doch noch genauere Auskunft geben.   Oder neue Informationen zerstören den Wunsch nach den -in der NS-Diktatur- „anständig“ handelnden Vorvätern . Das Risiko besteht.

 

 

Juliane Bartel medien-Preis

Link auf die website:

Juliane Bartel Medienpreis 

Preisbegründung:

Gewinner Beitrag 2021 Fiktion/Entertainment

 

Der Preis, den wir bekommen haben ist eine große Anerkennung, aber leider ist das Problem um das es geht, immer noch (täglich) genauso aktuell. Und der Preis macht auch nicht die getöteten Frauen wieder lebendig und auch ihr Leid nicht rückgängig, ebensowenig wie das ihrer Angehörigen.
In diesem Sinne ist dieser Preis auch eine Aufforderung weiterzudenken, das Thema nicht als „bearbeitet“ in die Ablage zu legen. Und der Preis ist -für mich persönlich- auch eine Widmung für Leena Vartiainen, Marion Zagermann, Konstantina Ulitsch und eben für Saskia, die mit all Ihren Möglichkeiten und Talenten schon durch den Missbrauch durch ihren sozialen Vater zu „lebenslänglich“ verurteilt wurde. Bis sie schließlich auf ihren finalen Henker und Vollstrecker traf, den sie -bittererweise- kurzzeitig für ihren Retter hielt, den Mann, der den erlittenen kindlichen Missbrauch rückgängig macht.

„Flüsterzettel-Solo“

 

 

„Flüsterzettel-Solo“ ( Premiere Juni 2020 im HochX-Theater)

 Der gestreamte Videomitschnitt  des Solos  ( in einer Veranstaltung der ev. Kirche Herrsching in  Zus.arbeit m.d. ev. Akademie Tutzing)    Audiospur   aus dem Solo

 

INHALT: In den Zettelbotschaften, die sich  meine Eltern in der  Anfangszeit ihrer Beziehung schrieben -im Büro des BND in den 1950er Jahren- klingen zwischen den Zeilen, zwischen Liebessehnsucht, Alltagsbewältigung und Interna des Bürolebens auch alle Widersprüchlichkeiten der Zeitgeschichte an.
Diese Fragezeichen und Leerstellen greife ich  mit meinem „Flüsterzettel-Solo-Programm” auf. ( Eigentlich hätte eine Wiederaufnahme des Flüsterzettelabends gespielt werden sollen, so wurde durch Corona ein neues Format daraus. Das wechselte von „Flüsterzettel-Solo“ über „Zeitreise“ bis zu „Zeit-Reste“ ein paarmal den Titel  da sich auch die inhaltichen Schwerpunkte weiterentwickelten und entwickeln)

Ich wage als “Nachgeborener” eine sehr persönliche Zeitreise: Ich konfrontiere mich mit meinen eigenen bewussten und unbewussten Wahrnehmungen; in den 1960er und 70er Jahren, in meiner Familie und in meiner Umgebung:
Die “Reste von Gestern”, die Sickerspuren der Geschichte. Worüber gesprochen wurde und worüber geschwiegen werden musste.
“Du sollst nicht lügen” hieß es und doch musste ja gelogen werden. “Du sollst nicht töten” und doch war ja getötet worden, das Kind fragt lieber nicht danach.
Eines Tages stehe ich als Schüler am Bahnhof Herrsching und verteile Flugblätter: ”Freiheit für Rudolf Hess”, steht darauf. Ein Schulfreund hatte mich darum gebeten. Ich selbst wußte nichts von Rudolf Hess. Ein paar Jahre später nimmt mich als Jugendlicher eine Top Spionin der HVA, die in der Abteilung seines Vaters beim BND arbeitet, auf einen Skiausflug mit.  Und es gab ja auch noch den geliebten Kinder-Grossvater, den Oberst a.D. Filzinger, Artilleriekommandeur und im Einsatz bis weit in die Ukraine.

Und sehr viel später taucht plötzlich der Enkel einer jüdischen Familie aus dem früheren Ostpreußen auf und stellt Fragen zu seinen Grosseltern, die mit Familie Dabinnus vor dem Krieg eng befreundet waren.

Dafür habe ich Recherchen gemacht und Interviews geführt, die in Ausschnitten auch Teil des Programms sind.
Und es wird bei dieser “Rückschau” rasch klar, wie aktuell manche Themen und Fragen immer noch sind, beziehungsweise wie die “Reste von gestern” leider in unserem heutigen Leben wieder zu neuer Blüte kommen.

Von und mit Burchard Dabinnus
Raum: Marlene Rösch

 

Stipendium Textentwicklung „Weil du mir gehörst“.

Zwei Beispielexte für die Behandlung des dokumentarischen Textmaterial und dessen „Verdichtung“:

In der 1. Beispiel-Zusammenstellung sind diverse Aussagen/ Geständnisse des Winfried R.zur Tat in Wien und seinem Vorleben in Paderborn "umgeschnitten" worden. 

FALSCHE VORWÜRFE

( 3 Männer, wie im Gespräch untereinander, oder auch zum Publikum als auch untereinander, die Frauen stehen an verschiedenen Positionen, nehmen wahr, aber reagieren nicht)


MANN 1: All diese Vorwürfe, mich betreffend, treffen an keiner Stelle zu. Ich habe ja 20 Jahre ohne Makel gelebt. Wenn ich so abwegig, so krank wäre, müsste dort ja auch etwas vorgefallen sein. Nicht im Ansatz waren Messer im Spiel oder eine Bedrohung. Meine Frau könnte nichts anderes sagen.


MANN 2: Sie hat sich nicht um Kinder gekümmert. Dieser, Vorfall dieser angebliche: Sie ist so erschrocken und vom Balkon gefallen. Bedrohung mit Messer ist nicht zutreffend. Sie wusste, daß ich Messer besaß, als Zimmerschmuck. Sicher bin ich vielleicht verzweifelt gewesen. Es gab eine Besänftigung durch meinen Bruder.


MANN 3: Messer nicht gegen sie verwendet ….Habe Suizidversuch mit Barbituraten unternommen.


MANN 2: Keine Aussage, bis auf Nebensächlichkeiten trifft zu, zu keinem Zeitpunkt. So absurde Lügen. Als sie zum ersten Mal aufgetaucht sind, hätte ich sie leicht anzeigen können. Das hat nicht zugetroffen.


MANN 1: Hatte Vorfall gegeben, bei dem ich mich im Haus aufgehalten hatte und ihr Vorhaltungen gemacht hatte, sie sie sei keine fürsorgliche Mutter. Die Kindersachen schmutzig, der Haushalt… Sie ist in der Tat auf den Balkon und gesprungen und zur Nachbarin gegangen.


MANN 3: Ich wollte weder mit ihr schimpfen noch sonst etwas. Das war ein Unfall.


MANN 2: Sie wußte, daß ich Messer sammle. In den Urlauben Finnenmesser, in Kroatien Messer. Damit habe ich nichts gemacht, geschweige denn jemanden bedroht.Das ist eine unglaubliche Schilderung, die hätte ich ja kennen müssen. Meine Schilderungen sind wirklich war.


CUT

MANN 1: Ich kann es nicht erinnern, nur weiß ich, ich war zu tiefst verletzt, zu tiefst verzweifelt, kann mich erinnern von Mozart ein bestimmtes Stück gehört zu haben. Das hat dazu geführt, daß ich ein einziges Mal vielleicht ausgerastet bin.


CUT


MANN 1: Sie ist oft nicht nach Hause gekommen, hat auf Fragen ausweichend geantwortet. Diese Situation habe ich nicht verkraftet, habe im Zuge des Ausnahmezustandes Wutanfall gehabt.
MANN 2: Wurde verhaftet, habe Job verloren. Ein halbes Jahr später aufgrund Gutachten entlassen. Gelöbnis ihr sich nicht zu nähren.


CUT


( Männer vereinzelt, mit Pausen, alle verteilt im Raum, in Bewegung, eventuell chorografische Kontakt mit einzelnen Frauen. )


MANN 2: Insbesondere konnte ich erkennen, daß ihr Verhalten nur von Haß gegen meine Person geleitet wurde. Ich war durch diese Erkenntnis so schockiert, daß ich vorerst keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich und sie wußten, daß ihre, bei Gericht beigebrachten Anschuldigungen zum Teil zu Unrecht bestehen und sie ihren unrechten Weg, den sie gegen mich eingeschlagen hatte, weiterverfolgen muß.


MANN 3: Deswegen mußte sie mich immer aufs Neue belasten und neue Anschuldigungen vorbringen.


MANN 1: Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich Diana und ihre Mutter, die ebenfalls ihren Haß gegen mich versprühte, psychisch vernichten wollten.


MANN 2: Ich kam zu dem Schluß, wenn mir Diana und ihre Mutter jede weitere Zukunft verbauen wollen, daß ich da reagieren müsse.


MANN 1: Ich habe in Gedanken erwogen, Diana umzubringen, um von ihrem Haß befreit zu werden.


MANN 3: Als Tatwaffe sah ich in Gedanken eine Pistole vor mir und stellte mir das Bild vor, wie ich sie erschießen werde.


MANN 2: Von diesem Moment an, zog ich konkret in Erwägung, daß ich sie umbringen werde.


MANN 3: Und ich habe damit begonnen alle Vorbereitungen zu treffen,


MANN 1: damit ich dieses folglich einmal realisieren kann.


MANN 2: Ich machte mir Gedanken wie ich mir eine Waffe beschaffen könnte.


CUT

( rascheres Tempo, die Männer eng zusammen )
MANN 3: Generell ist zu sagen, daß ich Dianas Liebe wollte, nicht ihren Tod.


MANN 2: Ich habe kein Vermögen mehr, ich habe meinen ganzen Verdienst und mein Vermögen in Diana investiert.


MANN 1: Generell ist auch zu sagen, daß ich während der letzten beiden Wochen, insbesondere vor der Tat den Wunsch verspürte, Diana zu töten.


MANN 2: Ich diesen Wunsch aber stets nicht bewußt werden ließ.


MANN 3: Der Wunsch,begleitet von der Vision der Tat, daß ich Diana also mit einer Pistole niederstrecken würde, erschien mir als Befreiungsakt.


MANN 2: Eine seltsame Vorfreude erfasste mich, ein Gefühl, daß ich alsbald von einer mich erdrückenden Last befreit sein würde.


MANN 1: Melodien von Schlagern hörte ich innerlich.


CUT


(Männer bewegen sich in ein Off, schleichen sich heraus, sind dann noch über Mikro leise vernehmbar)


MANN 1: Ich weiß undeutlich, daß ich auf Diana geschossen habe, sehe ein verwaschenes Bild, wie sie auf dem Bürgersteig liegt, erkenne dabei aber nicht die geringste Verletzung oder gar Einschüsse. Einzelne Bilder kann ich lediglich vergegenwärtigen, wovon eines ist, daß ich den mir zu dem Zeitpunkt seltsam klingenden Knall der Pistole höre, allerdings nicht in einer Vielzahl…


MANN 3: ….so daß ich nicht weiß, wie oft ich gefeuert habe. Ich weiß nicht, wo ich örtlich die Schüsse auf Dianah abgegeben habe.


MANN 1: Diesen Mann zu verletzen war keine in irgendeiner Form geplante oder beabsichtigte Handlung. Ich wußte nicht, daß dieser Mann ein Kriminalbeamter war, wie mir später mitgeteilt wurde. Ich bedaure sehr,  jemanden verletzt zu haben, der sich in diese Angelegenheit einmischte, mit der Absicht zu helfen und Unheil zu verhüten.


MANN 2: Hatte Pistole eingesteckt. Hatte sie gesehen, bin auf sie zugelaufen, habe sie erschossen. Habe nicht wahrgenommen, sie war in Begleitung ihres Sohnes. Habe Diana leider tötlich getroffen. einen Polizeibeamten verletzt mit Messer.
( Zwei der Frauen fallen plötzlich zu Boden, sacken zusammen, ohne die Situation einer Tat nachzuspielen)
MANN 3: Ich habe am Freitag gegen 17.oo Uhr, meine frühere Lebensgefährtin Konstanina vor ihrem Wohnhaus in Wien, nachdem ich dort auf sie gelauert hatte, ·mit meiner Pistole, Marke FN, Kaliber 7,65 mm, erschossen.


MANN 2: Im Vordergrund meiner Tat stand Rache. Sie hat mich angezeigt und deswegen war ich eingesperrt. Sie hat auch meine Persönlichkeit zerstört.


MANN 1: Den Mann, der mich hindern und halten wollte, habe ich angeschossen und beim Handgemenge mit meinem Messer niedergestochen. Dieses Messer wurde mir bei meiner Verhaftung abgenommen.


CUT/ MUSIK/ BLENDE

Die 2. Beispiel-Zusammenstellung nimmt Bezug die Verhandlung, die 1985 in Wien stattfand, nachdem Winfried R. Konstantina Ulitsch auf offener Strasse erschossen hatte. 

ES WAR LIEBE

(…)

Stimme ( Verteidiger ) – Eine Beziehungstat. Sie hat ihn provoziert.
Stimme (Staatsanwalt ) – Ich beantrage Schuldspruch und schuldangemessene Strafe.
Stimme ( Verteidiger ) -Ich bitte um ein mildes Urteil.
Stimme (Angeklagter) – Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an.

CUT

Stimme ( Geschworene) -Hat Winfried Ratajczak am l0. 2. 1984 in Wien sich in einer allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung dazu hinreißen lassen, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von vier Schüsse zu töten?
Stimme ( Geschworene) – Eventualfrage entfällt.
Stimme ( Geschworene) – Bei der Strafbemessung ist mildernd: Stimme ( Geschworene) – das Geständnis des Angeklagten hinsichtlich des unerlaubten Waffenbeszitzes-
Stimme ( Geschworene) – sowie eine gewisse durch psychopathische und neurotische Züge geprägte Persönlichkeit des Angeklagten.
Stimme ( Geschworene) – Erschwerdend das Zusarnmentreffen eines Verbrechens und dreier Vergehen,
Stimme ( Geschworene) – die Begehung der Tat entgegen dem, dem Angeklagten auferlegten Verbot, Konstantina Ulitsch zu kontaktieren
Stimme ( Geschworene) – sowie die aus dem Tatablauf hervorgehende Massivität der Tat.
Stimme ( Geschworene) – Der Abgabe eines Kopfschusses aus maximal 10 cm Entfernung,
Stimme ( Geschworene) – die langfristige Überlegung der Tat.
Stimmen ( Geschworene) – Verbrechen des Mordes, Vergehen der schweren Körperverletzung, Vergehen des unerlaubten Waffenbesitzes

CUT

Stimme ( Kommentator) – Anwalt und Angeklagter flüstern intensiv.

CUT

Stimme ( Verteidiger)- Meine Damen und Herren, wie auch immer sie urteilen werden, ob auf Mord oder Totschlag, bedenken Sie, er hat den Menschen getötet, den er am meisten geliebt hat!


CUT
Stimme (Richter) – Hat Winfried Ratajczak am 10.2. 1984 in Wien, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von 4 Schüssen vorsätzlich getötet?
Stimme ( Kommentator) – Sechs Geschworene stimmen mit Ja. Zwei Geschworene sind nicht überzeugt von einer Tötungsabsicht und stimmen mit nein.

CUT
(Klingel, Stille)

Stimme (Richter) – Winfried Ratajczak ist schuldig. Das Urteil ergeht auf 20 Jahre
Stimme ( Kommentator)- Auch ein Lebenslänglich wäre möglich gewesen?
Stimme (Richter) – Letzlich ist die verhängte Freiheitsstrafe schuldangepaßt und entspricht diese auch spezial sowie generalpräventiven Anforderungen.

CUT

Stimme ( Verteidiger)- Was man manchmal vor Gericht sagen muss.

CUT / BLENDE/MUSIK

(…)

Mord oder Totschlag?

 

Winfried Brenner wurde 1984 wegen Mordes in Wien zu 20 Jahren Haft verurteilt. Einen gewisssen Nachlass gab es trotzdem damals, man hätte auch ein tatsächliches Lebenslänglich verhängen können. Nicht alle Geschworenen waren überzeugt, dass er Konstantina Ulitsch absichtlich auf offener Strasse erschossen hatte. Andererseits waren die 20 Jahre für eine „Beziehungstat“ im Verhältnis zu sonstigen Verurteilungen doch ein relativ strenges Urteil.

2014, nach der Tötung meiner Cousine, bekam er wegen Totschlags die derzeit in der BRD höchstmögliche Strafe von 14 Jahren ( ein Jahr U-Haft angerechnet). Anschliessende Sicherungsverwahrung wird vom Gericht dringend angeraten. Der Anwalt der Nebenklage, Walter Lechner plädierte auf Mord. Die Kammer sah die Mordmerkmale nicht erfüllt. Man liess den Nachmittag vor der Tat im Diffusen und machte auf diese Weise doch ein Zugeständnis an die abgemilderte Tötungs-Version des Winfried B. ! Das Opfer Saskia Steltzer kann ja nicht mehr befragt werden.

Hätte es Möglichkeiten gegeben, ein Urteil wegen Mordes auszusprechen? Oder zumindest die Situation des Opfers vor der Tat zu würdigen? Bei genauerem Hinsehen durchaus. Ich habe mir erklären lassen, eine Würdigung des Opfers ist nicht Aufgabe des Prozesses, sondern nur die Aburteilung der Straftat. Und genau das ist es, was Wut und Trauer erzeugt. So wird das Opfer in gewisser Weise ignoriert und übergangen.

 

§ 211
Mord

 (1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. 
 (2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oderum eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,

§ 212
 Totschlag
 (1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. 
 (2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen. 


Da Winfried Brenner bereits als Winfried Ratajczak tötete und obwohl diese Tat weit zurück liegt, ist der Vergleich von Konstantina Ulitsch zu Saskia Steltzer klar: Er tötete diese Frauen, weil die Frauen sich trennen wollte. Er tötete, weil er für sich in Anspruch nahm, dass sowohl Konstantina 1984, als auch Saskia 2013, ihm gehören würden, sein Besitz seien. (Beiden gab er sinnigerweise den Namen Diana) Das zum Beispiel kann und darf man ja nicht anders als Habgier und somit als niedersten Beweggrund auslegen. Damit würde man dieses Verhalten, das sich ja in allen schrecklichen Variationen dauernd und überall wiederholt, als das benennen, was es wirklich ist: Mord.

Da hat sich das Gericht 2014 dann doch darum herum geschlichen. Aus Zeitersparnis, weil das Strafmass sowieso klar war, weil man sich nicht zu viel Mühe machen wollte, nochmal extra nachzuhaken?

Sie sollte sein Eigentum sein und bleiben. Er muss es direkt oder indirekt angekündigt haben. Es gibt dafür einen Zeugen, den Bruder von Winfried. Er hat das bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Auch wenn er im Prozess nicht als Zeuge aussagen wollte, nichts mehr mit Winfried zu tun haben will. Wenn die Kammer gewollt hätte, hätte sie seine protokollierten Aussagen auf die eine oder andere Weise trotzdem auswerten können und müssen. Der Richter zitierte im Prozess kurz sogar daraus: Saskia habe am Telefon zum Bruder geäussert, dass sie Angst hätte zu sterben. Auch dass Winfried ein Messer habe und dass sie wisse, was er gemacht hat. Alles das bedeutet: Sie wurde von ihm bedroht, sie hatte Todesangst, er hat ihr eiskalt serviert, dass er bereits eine Frau getötet hatte, die sich trennen wollte.
Er war dazu bereit, die Grenze war duchbrochen, so weit war er und weil er diesen Schritt der eigenen Entlarvung bereits gegangen war, konnte er sowieso nicht mehr zurück.
In der Verhandlung machte er einen Ansatz zu einem Zugeständnis in Richtung Wahrheit: Er müsse zugeben, er hätte sie zum Schweigen bringen wollen, wegen eines drohenden Eklats. Das hat er miteinander verknüpft, die beiden Inhalte: Die Messserattacke und „zum Schweigen bringen.“ Niemand hakte bei dieser Aussage nach.
Es wurde quasi übergangen. Viele seiner Angaben, waren oft verschwurbelt und halbwahr. Aber an dieser Stelle steckte eine tatsächliche Wahrheit und Wirklichkeit dahinter. Warum hätte er das sonst so formuluiert, denn es war keine Schutzbehauptung mehr, keine Verdrehung.

Es blieb ihm, aus seiner Perspektive, keine andere Möglichkeit, als sie irgendwann zum Schweigen zu bringen. Denn er hatte sie in Geiselhaft genommen in der Wohnung, die Balkontür geschlossen. Er hat sie dann auch noch irgendwann mit dem Messer bedroht und gezwungen, sich auszuziehen, wie er das schon in anderen Beziehungen praktiziert hatte, er wollte sie mit dem Messer in der Hand zur Liebe zwingen. Sie schrie ihn an: „Hau, ab, lass mich in Ruhe!“ Sie wehrte das Messer ab. Sie befreite sie sich für einen Moment irgendwie und rannte nackt und in Todesangst und wahrscheinlich schon mit einer Stichverletzung, vielleicht hatte er sie beim Wegrennen mit dem Messer schon im Rücken erwischt, über den Wohnungsflur zur Tür auf den Treppenabsatz, schlug hinter sich die Tür zu, konnte vielleicht gar nicht mehr weiter und schrie: „Hilfe, ich sterbe jetzt!“, während er in dieser Sekunde bereits die Tür von innen aufriss und ihr rücklings mit aller Gewalt das Messer hineinschlug. Sie war gelähmt, ihr Rückenmark durchtrennt, sie sackte zusammen, er zog sie in die Wohnung und stach dann von vorn auf die am Boden Liegende ein. Das alles ist ein nicht wirklich nachprüfbares und doch sehr wahrscheinliches Szenario und von niedersten Beweggründen und seelischer Grausamkeit geleitet. Und schliesslich musste er mit seinem Gewaltakt auch die Straftat der versuchten Vergewaltigung und der Geiselnahme verdecken.

In der Urteilsbegründung, die -wie ich mir sagen liess- nur zu juristischen Zwecken dient, eine Revision auszuschliessen soll, hätte man zumindest einen Anklang dessen formulieren können, was anzunehmen ist.

Eine Begründung ist doch auch eine Hinterlassenschaft, ein Dokument
Sie ist nicht für die Öffentlichkeit und doch auch ein Teil Geschichtsschreibung, Niederlegung. Und dieses Dokument muss lügen, weglassen, um nicht anzweifelbar zu sein. Das ist -auch wenn Winfried B`s Verurteilung „fachgerecht“ war, bitter und traurig.

 

 

 

Daniil Charms: Nehmen Sie die Untersuchungspille!

 

„Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht.“

Daniil Charms.

 

am Sonntag , den 3.7. und am Mittwoch, den 6.7., jeweils um 19.00  im Rahmen des 10. inklusiven –GRENZGÄNGER-THEATERFESTIVAL : 

„Nehmen Sie die Untersuchungspille!“

(Ein Daniil Charms-Abend, den ich 2019/20 mit Mitgliedern des „Theaters Apropos“ erarbeitet habe)

AKTUALITÄT UND HISTORISCHER HINTERGRUND:                             In der aktuellen politischen Situation rücken die Texte und das Leben des Leningrader Künstlers Daniil Charms in ein scharfes Licht.

Putins aggressiver Machtanspruch nach aussen, seine diktatorische Willkür im Inneren des russischen Staates. Propagandalügen, Manipulationen, Verhaftungen oder gezielte Morde.

Vor 80 Jahren „verreckte“ -so muss man es sagen- Daniil Iwanowitsch Juwatschew, wie Charms mit vollem Namen hieß. Er schrieb dramatische und poetische Texte, war Mitglied einer experimentellen Theatertruppe, stand auch selber auf der Bühne. Ein Avantgardist aus den Leningrader Künstlerkreisen, so wie seine Bekannten Shostakovitsch oder Malewitsch. Einer, der sich keiner Ideologie oder verordneter Staatskunst anpassen wollte, der sich als Russe und Europäer sah, der der deutschen, französischen, russischen Literatur und Kunst verbunden war.  

Charms` Vater hatte als Anarchist gegen die Willkür des Zarenreiches gekämpft. Nach der Oktoberrevolution erfüllte sich nur kurze Zeit die Hoffnung auf ein neues freies Leben. In den 1930er Jahren wurde Charms -wie viele andere Künstler- vom stalinistischen System ins Abseits gestellt. 1939 erfolgte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Ein Diktator überfiel den anderen und Hitlers Wehrmacht attackierte Leningrad, das frühere St. Petersburg. Die Stadt sollte auf Befehl des Führers mit Bomben und Blockade ausgehungert und vom Erdboden getilgt werden. Zweieinhalb Jahre lang ging das. Eine Million Menschen verhungerte.

Wladimir Putin kam dort ein paar Jahre später auf die Welt. Auch seine Familie war Terror und Tod ausgeliefert gewesen. Und jetzt dreht er selber die Gewaltspirale immer weiter.

Daniil Charms‘ künstlerische Offenheit, sein absurder Humor, sein literarischer Ideenreichtum zeichnen ihn bis heute aus. Er liefert ein Feuerwerk aus abgründigen Dialogen, grotesken oder poetischen Geschichten, berührenden Tagebucheinträgen. Die Schikanen des Systems zeigen darin ihre Fratze. Charms versucht seine verzweifelten Späße darüber zu machen, will die Gespenster zu verjagen.

„Ein überaus kluger Mensch ging in einen Wald und verirrte sich darin“, schreibt Charms fast beiläufig. Die Charakterzüge dieses eigenwilligen Autors, bei dem Kunst und Leben sich nicht voneinander trennen lassen, seine Lebenslust und Lebensangst, sein Spaß an Verstellung und Satire werden vom Ensemble auf sehr persönliche Weise wiedergegeben.

kurzer Trailer:

 

Kritiken der Tageszeitungen:

 

 

Daniil Charms, Biografisches:

Unter diesem link finden sich ausführliche Infos zu seinem Leben und Werk: https://umsu.de/charms/texte/indexl.htm

ebenso bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Daniil_Charms

Zeitgeschehen:

Gulag
https://www.youtube.com/watch?v=nZCpbSQeXT4

Stalin, Der Mythos – YouTube

https://www.google.com/search?client=firefox-b-e&q=Stalin+Der+Mythos+-+YouTube

Theater Apropos                                                                                                           Seit einigen Jahren ist im Tams-Theater- in Zusammenarbeit mit dem Verein „Ariadne“- die inclusive Theater-Truppe „Theater Apropos“ beheimatet. Infos zu Theater Apropos und Ariadne

 

Projekte mit Kindern in Unterkünften für Geflüchtete

„Salam“

Musik- Theater Projekt mit Kindern und Jugendlichen der Nachfolgeeinrichtung der Unterkunft Richard-Strauß-Straße

Besonders die Kinder und Jugendlichen zeigen sich entweder überdreht und voller unsteter Energie oder teilnahmslos, da sie mangels Alternativen kaum bis wenig die Unterkunft verlassen .

Da soll nun das Projekt ansetzen und zumindest für eine bestimmte Zeit und in einer gewissen Regelmäßigkeit kreative   Beschäftigungsmöglichkeiten bieten, als auch auf diese Weise soziale Kontakte und Bindungen erweitern und ermöglichen.

Zunächst wird erst einmal ein offenes Angebot gestartet mit Musik/ Theater / Bewegung / Video – Möglichkeiten mit einer ergebnisoffenen Abschlusspräsentation Anfang September.

(Wobei es insgesamt nicht in erster Linie um die „Show“ geht, sondern um die spielerischen und kreativen Erfahrungen und den sozialen Kontakt an sich.)

Die Themen und Formen sollen aus der Gruppe heraus gefunden werden.Damit werden sich didaktische, integrative und persönlichkeitsstärkende Effekte, sozusagen „nebenbei“ ergeben. Die Teilnehmer sollen zum Beispiel auch umgekehrt den Mitarbeitern etwas „beibringen“ aus ihrer speziellen Kultur, Musik und Sprache. Und eigenes Erleben aus ihrem Alltag versuchen “ auf deutsch“ mitzuteilen, daraus wieder eine spielerische Sequenz entwickeln etc.

Team

Das “ Team “ setzt sich aus verschiedenen Mitarbeitern zusammen, die entweder gemeinsam oder parallel bzw. je nach Bedarf abwechselnd agieren.

Im Projekt-Team sind Musiker der Gruppe“ Jisr“ vertreten, die ja ohnehin vor Ort anwesend sind und viele Kontakte dort unter arabisch-syrischen Bewohnern haben. Um auch die anderen Ethnien miteinzubinden, wird nach weiteren “ Mittlern“ gesucht werden.

Ebenfalls aus der Gruppe „Jisr“, kommt deren Namensgeber Mohcine Ramdan Ait , der hauptberuflich als Dozent für Deutsch als Fremdsprache an der LMU tätig ist und so seine Erfahrungen als „Dolmetscher“ und Kulturkreis -Vermittler miteinbringen kann.

Das musikalisch- pädagogische Team wird noch ergänzt durch Mitglieder der Münchner Formation “ Express- Brass-Band .

Aus dem Bereich der darstellenden Künste kommt der Tänzer und Choreograf Josef Eder, der in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zahlreiche internationale Erfahrungen hat.

Aus dem Theaterbereich begleitet die Schauspielerin Isabel Kott das Projekt.

BR-Sendung: „Syrer in München, zwei Geschichten vom Ankommen und Fremdbleiben“

 

Meine Sendung über ein paar unserer syrischen Freunde  „Syrer in München, zwei Geschichten vom Ankommen und Fremdbleiben“, wurde im Oktober 2017   in  Bayern2 Radio  gesendet.

Wer den ersten Teil verpasst hat oder keine Zeit hat,  kann die Sendung auch als podcast nachhören.

hier der link zu den Sendungsseiten:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/syrer-in-muenchen-teil-1-und-2-dabinnus100.html