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Wie kommt es zum Projekt „Die Mühlengeschichte“?

 


Die teilweise noch erhaltenen Gebäude der "Bartensteiner Mühlenwerke"im heutigen Bartoszyce. Fotos: Joanna Jakutowicz

“ Sie sind ein hohes Risiko eingegangen und haben am Schluss noch die schöne Mühle übernommen“

schreibt ein Bekannter in der Nachkriegszeit an meinen Großvater. Es existieren in den Familien  Dabinnus und Meyer verschiedene lose Dokumente zur „Mühlengeschichte“.  Ebenso  gibt es mündliche Überlieferungen bei den Nachkommen beider Familien und natürlich die Frage auf welche Art und Weise, unter welchen Umständen das Eigentum der Familie Meyer zum Eigentum meines Großvaters wurde.

ZEITSPUREN:

In meiner Arbeit Flüsterzettel- eine geheime Liebe beim BND wurde  bereits diese ungeklärte Familienangelegenheit aus der NS-Zeit angedeutet. Die Übernahme eines jüdischen Großbetriebes durch meinen Großvater im früheren Ostpreußen.

NS- Gauleiter  Erich Koch  

Gauleiter Koch wollte die Mühle „schlucken“,  den Betrieb in sein zusammengestohlenes Wirtschaftsimperium in die  „Erich Koch Stiftung“einspeisen.  Die Situation für die Familie Meyer wurde immer kritischer.  Zumal ein Verwandter der Familie Dabinnus einer der wichtigsten Mitarbeiter des Gauleiters war und mit finsteren Methoden Enteignungen erzwang.

„Die schmutzige rechte Hand des Gauleiters“

Nennt  Marion Gräfin Dönhoff 1949 in der ZEIT einen gewissen Dr. Bruno Dzubba.  Dieser  spielte im Macht-System des ostpreußischen Gauleiters  Erich Koch eine üble Rolle als Enteigner, als „Manager der Teufels“.  Bis weit in die Ukraine reichte nach dem Überfall auf die Sowjetunion auch sein „Wirkungskreis“. Nach dem Krieg arbeitete Dzubba  unauffällig als Steuerberater, heiratete in eine Fabrikantenfamilie, entging einem gerichtlichem Verfahren.  Im Lauf der Recherchen stellte sich die Frage:  Ist Dr. Dzubba identisch mit einem sogenannten  „Onkel Bruno“,  von dem auch in Nachkriegspost im Verwandtenkreis immer wieder mal zu lesen ist. Und welche Rolle spielte dieser „Onkel Bruno“ bei der Enteignung der Familie Meyer?  Antworten auf diese Frage sollen bei genaueren Archivrecherchen im weiteren Verlauf des Projektes noch gefunden werden!

War eben die „Übernahme“ des Mühlenbetriebes   eine typische „Arisierung“ zu Gunsten der deutsch-deutschen Familie Dabinnus, so wie tausende andere damals im NS-Staat, eine Enteignung zum Schleuderpreis?  Oder – so die familiäre Legendenbildung und Entlastung des Familiengedenkens – ein Versuch einer arischen „Tarnung“,  in der Hoffnung der Spuk geht bald vorbei?   Ein Freundschaftsdienst , um  Gauleiter Koch zu täuschen.  Aber was war mit der Parteimitgliedschaft?

Der Wunsch die Großeltern/Vorfahren in ein gutes Licht zu rücken ist Normalität in deutsch-deutschen Nachkriegsfamilien bis in die Generation der Urenkel  (s.  Opa war kein Nazi -Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, bei Fischer-Taschenbücher)

In einem „Corona -Solo“ im Münchner  Theater HochX  habe ich mich 2020 begonnen mit der „Mühlengeschichte“ näher zu beschäftigen, mit Billy Meyer dem Enkel der jüdischen Familie ein Interview aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich hauptsächlich Fragen und keinerlei Antworten ( s. SOLO  ZEIT- RESTE ca. bei Min. 32.00 im Video, bei 36.30 im Audio )

Mühleninhaber Dr. Hans Joseph Meyer, der Deutschland nicht verlassen wollte, versuchte zunächst in Berlin den Untergang des 1000-jährigen Reiches abzuwarten.  Seine Ehefrau blieb an seiner Seite. Cioma Schönhaus erwähnt  Begegnungen mit Dr. Meyer in seinem Buch „Der Passfälscher“.  Im Juni 1943 erfolgte dann die Deportation. Angeblich holte man Dr. Hans Joseph Meyer aus Theresienstadt und sogar noch aus Auschwitz zur „Beratung“ seines früheren Betriebes zurück nach Ostpreußen. (Dokument von Dr. Paul Graetz aus der „Wiener Holocaust Library“)

 
Dr. Hans Joseph Meyer, Lotte Frieda Meyer, geb.Baerwald.
Foto: Besitz Familie Meyer

Das Ehepaar Meyer, ebenso wie andere Mitglieder dieser ostpreußisch-jüdisch-deutschen Familie endeten in Auschwitz.

Aus dem letzten Aufenhaltsort des Ehepaars Meyer in Berlin sind noch Briefe an ihre Söhne im Internat in der Schweiz erhalten. Diese wollen wir transscribieren und in Berlin vor Ort in eine Veranstaltung einbinden.

Meyer-Enkel Billy sucht 2006 den Sohn des Gutsbesitzers Georg Dabinnus auf.  Heiko Dabinnus  ist inzwischen Mitte achtzig . Billy Meyer versucht konkretere Fakten zu den Vorgängen damals zu erfahren. Billy Meyer wird herzlich empfangen aber Licht ins Dunkel bringt der Besuch auch nicht.

“Wir hatten ja auch jüdische Freunde”.

Diesen -hilflos entschuldigenden Satz- haben wir in unserer Familie ab und dann gehört.  2022  taucht aber im Bundesarchiv  die Aufnahmekarte der Großmutter in die NS-Frauenschaft auf.  Jetzt stellen sich neue Fragen. Die Wunsch- Bilder von Großvater und Großmutter bekommen Schatten und Risse.

DAS PROJEKT „DIE MÜHLENGESCHICHTE“  ALS ECHOKAMMER:

Einige Mitglieder der deutsch-jüdischen Familien Meyer und Grätz überleben den Holocaust. Die Reste der deutsch-deutschen Familie Dabinnus überlebt den Krieg als Flüchtlinge mit verlorener Heimat.  Schuldgefühle, intergenerationelle Traumata  in beiden Familien. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Billy und Brigitte Meyer und Burchard Dabinnus und seine Schwester Simone sind beide “Erben” dieser „Familien-Angelegenheit“. Familienvertreter .  Vieles wird sich nicht mehr genau klären lassen.  Zeitschichten überlagern sich. In der Nachkriegszeit traf sich der Großvater  Georg Dabinnus einige Male mit Paul Graetz, dem überlebenden Schwager des Ehepaars Meyer. Man versuchte eine Klärung der „Mühlengeschichte“ und von eventuellen finanziellen Ansprüchen. Widersprüche und Legenden bleiben im Raum stehen.  Dokumente oder Beweise sind verloren.

Und heute, Jahrzehnte  später arbeiten die jeweiligen Nachkommen gemeinsam  an diesem Projekt „Die Mühlengeschichte“. Das ist einerseits ein privater Impuls und andererseits will  dieser Versuch  im Jetzt und Heute auch  eine Echokammer, ein Katalysator, ein Beispiel und eine Aufforderung sein. Kulturell wie politisch.  Was spiegelt sich heute in uns selber, welche emotionalen Sickerspuren, Bodensätze sind in uns, in unseren Familien abgelagert, verschwiegen ?

Und außerdem, die  „Reste von Gestern“, sind ja  wieder bedrohliche Gegenwart von heute:  Alter Antisemitismus mit neuem Anstrich, in neuen Verkleidungen zum Beispiel.   In  verschiedenen Verschwörungstheorien und auch in den sozialen Medien immer offener „en vogue“. Rechter  und linker Aktivismus treffen einig zusammen.  Und der Mythos, daß die Welt eigentlich von reichen und mächtigen Juden gesteuert wird, pflanzt sich anscheinend sowieso von alleine fort.

„Schließlich haben wir die Kontingente nicht direkt vom Juden gekauft“.

Ein familiärer Nachkriegsbrief der 1960er Jahre.  „Zitiert“ der Großvater diese Formulierungweise, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er hätte sich an jüdischem Eigentum bereichert?

Eine alte Dame aus einer anderen Familie -aus dem früheren ostpreußischen Bekanntenkreis der Mühleninhaber- sagt zu ihrem Sohn, als dieser nach Dokumenten zu seinem Großvater sucht, er solle…

„…nicht das Ansehen des Großvaters beschmutzen!“

Und da sind wir  mitten drin -immer noch- und können nicht behaupten, wir heute  jetzt ganz andere Menschen und hätten auch damals sicher ganz anders gedacht und gehandelt!

Viele  Mitglieder der jüdisch-deutschen Familie werden umgebracht, einige können ins Ausland gelangen. Mitglieder der Gutsbesitzerfamilie finden sich nach dem Krieg in Schleswig Holstein und schließlich in Bayern wieder.

In dieser Familien-Angelegenheit, der „Mühlengeschichte“, wie sie in einem Nachkriegsbrief kryptisch bezeichnet wird, haben sich private Historie und Zeitgeschichte dicht ineinander verhakt.

Und jetzt ein Versuch einer gemeinsamen Klärung. Auch Mitglieder von Familien, die in der NS-Zeit mit den „Bartensteiner Mühlenwerken“ in verschiedenen Zusammenhängen standen, liefern Beiträge.  Ebenso sind Nachkommen aus der Urenkelgeneration –jetzt im Studentenalter- in die Recherche und künstlerische Umsetzung eingebunden. Puzzlestücke aus den verschiedenen Familien werden zusammengelegt. Bei allen gemeinsamen Bemühungen und allem heutigen Einverständnis wird ein Schatten zwischen den Familien stehen bleiben.

PROJEKTSUPPORT:

Zur richtigen Einordnung und Beurteilung von Dokumenten, Hintergründen und Materialien ist teilweise spezielles historisches Fachwissen notwendig. Deshalb wurde Kontakt zu entsprechenden Wissenschaftlern aufgenommen.

Recherche und Beratung : Dr. Christian Rohrer (Berlin). Weitere  Hilfestellung und Beratung (Arisierungen)  Dr. Iris Nachum (Tel Aviv) und Historiker  Hermann Simon (Berlin).

Ein wichtige Vermittlerin ist Frau Dr. Gebala vom  Deutschen Kulturforum östliches Europa (Potsdam) .

Inzwischen ist auch ein Nachkomme der Familie Dzubba-Andrae mit im Team: Jürgen Andrae, der Enkel von Dr. Dzubba, dem „Arisierer“und Günstling des Gauleiters Koch.

Die Veranstaltung in Olsztyn im August 23 ist durch den Kontakt zu Frau Kurowska zusatndegekommen, Vorsitzende der NGO „Borussia“ in Olsztyn, die seit Jahren Verständigungs und Kulturarbeit mit Veranstaltungen, internationalen Workshops etc. leistet.

Literarische Inspirationen  kommen auch durch den Autor  Artur Becker, der am Ort der Mühlengeschichte in Bartoszyce/Bartenstein aufwuchs und sich in Romanen und Schriften intensiv mit den polnisch-jüdisch-deutschen Zeitschichten beschäftigt hat.