Der Unfalltod der BR- Journalistin und Moderatorin Ingrid Andrea, am 16. Februar 1973, in München, stellt außerdem die Frage, welche Rolle ihr Vater in der NS-Zeit als „schmutzige rechte Hand“ des berüchtigten Gauleiters Koch und im Zusammenhang mit der „Mühlengeschichte“ spielte?
Andrae-Familienmitglieder melden sich:
Aufgrund eines aktuellen Presseberichtes zum Projekt nimmt der Sohn von Ingrid Andrae, Jürgen, Kontakt auf und steuert Informationen und Dokumente aus dem Familienarchiv und persönlicher Erinnerung bei. Auch die Enkelin Michaela, Künstlerin in Linz ( Mika Bankomat ) meldet sich. Eventuell wird sie sich bei einem Nachfolgeprojekt mit einer eigenen Arbeit zu ihrer Familiengeschichte beteiligen.
Die teilweise noch erhaltenen Gebäude der "Bartensteiner Mühlenwerke"im heutigen Bartoszyce. Fotos: Joanna Jakutowicz
“ Sie sind ein hohes Risiko eingegangen und haben am Schluss noch die schöne Mühle übernommen“
schreibt ein Bekannter in der Nachkriegszeit an meinen Großvater. Es existieren in den Familien Dabinnus und Meyer verschiedene lose Dokumente zur „Mühlengeschichte“. Ebenso gibt es mündliche Überlieferungen bei den Nachkommen beider Familien und natürlich die Frage auf welche Art und Weise, unter welchen Umständen das Eigentum der Familie Meyer zum Eigentum meines Großvaters wurde.
ZEITSPUREN:
In meiner Arbeit Flüsterzettel- eine geheime Liebe beim BND wurde bereits diese ungeklärte Familienangelegenheit aus der NS-Zeit angedeutet. Die Übernahme eines jüdischen Großbetriebes durch meinen Großvater im früheren Ostpreußen.
Gauleiter Koch wollte die Mühle „schlucken“, den Betrieb in sein zusammengestohlenes Wirtschaftsimperium in die „Erich Koch Stiftung“einspeisen. Die Situation für die Familie Meyer wurde immer kritischer. Zumal ein Verwandter der Familie Dabinnus einer der wichtigsten Mitarbeiter des Gauleiters war und mit finsteren Methoden Enteignungen erzwang.
„Die schmutzige rechte Hand des Gauleiters“
Nennt Marion Gräfin Dönhoff 1949 in der ZEIT einen gewissen Dr. Bruno Dzubba. Dieser spielte im Macht-System des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch eine üble Rolle als Enteigner, als „Manager der Teufels“. Bis weit in die Ukraine reichte nach dem Überfall auf die Sowjetunion auch sein „Wirkungskreis“. Nach dem Krieg arbeitete Dzubba unauffällig als Steuerberater, heiratete in eine Fabrikantenfamilie, entging einem gerichtlichem Verfahren. Im Lauf der Recherchen stellte sich die Frage: Ist Dr. Dzubba identisch mit einem sogenannten „Onkel Bruno“, von dem auch in Nachkriegspost im Verwandtenkreis immer wieder mal zu lesen ist. Und welche Rolle spielte dieser „Onkel Bruno“ bei der Enteignung der Familie Meyer? Antworten auf diese Frage sollen bei genaueren Archivrecherchen im weiteren Verlauf des Projektes noch gefunden werden!
War eben die „Übernahme“ des Mühlenbetriebes eine typische „Arisierung“ zu Gunsten der deutsch-deutschen Familie Dabinnus, so wie tausende andere damals im NS-Staat, eine Enteignung zum Schleuderpreis? Oder – so die familiäre Legendenbildung und Entlastung des Familiengedenkens – ein Versuch einer arischen „Tarnung“, in der Hoffnung der Spuk geht bald vorbei? Ein Freundschaftsdienst , um Gauleiter Koch zu täuschen. Aber was war mit der Parteimitgliedschaft?
Der Wunsch die Großeltern/Vorfahren in ein gutes Licht zu rücken ist Normalität in deutsch-deutschen Nachkriegsfamilien bis in die Generation der Urenkel (s. Opa war kein Nazi -Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, bei Fischer-Taschenbücher)
In einem „Corona -Solo“ im Münchner Theater HochX habe ich mich 2020 begonnen mit der „Mühlengeschichte“ näher zu beschäftigen, mit Billy Meyer dem Enkel der jüdischen Familie ein Interview aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich hauptsächlich Fragen und keinerlei Antworten ( s. SOLO ZEIT- RESTEca. bei Min. 32.00 im Video, bei 36.30 im Audio )
Mühleninhaber Dr. Hans Joseph Meyer, der Deutschland nicht verlassen wollte, versuchte zunächst in Berlin den Untergang des 1000-jährigen Reiches abzuwarten. Seine Ehefrau blieb an seiner Seite. Cioma Schönhaus erwähnt Begegnungen mit Dr. Meyer in seinem Buch „Der Passfälscher“. Im Juni 1943 erfolgte dann die Deportation. Angeblich holte man Dr. Hans Joseph Meyer aus Theresienstadt und sogar noch aus Auschwitz zur „Beratung“ seines früheren Betriebes zurück nach Ostpreußen. (Dokument von Dr. Paul Graetz aus der „Wiener Holocaust Library“)
Dr. Hans Joseph Meyer, Lotte Frieda Meyer, geb.Baerwald.
Foto: Besitz Familie Meyer
Das Ehepaar Meyer, ebenso wie andere Mitglieder dieser ostpreußisch-jüdisch-deutschen Familie endeten in Auschwitz.
Aus dem letzten Aufenhaltsort des Ehepaars Meyer in Berlin sind noch Briefe an ihre Söhne im Internat in der Schweiz erhalten. Diese wollen wir transscribieren und in Berlin vor Ort in eine Veranstaltung einbinden.
Meyer-Enkel Billy sucht 2006 den Sohn des Gutsbesitzers Georg Dabinnus auf. Heiko Dabinnus ist inzwischen Mitte achtzig . Billy Meyer versucht konkretere Fakten zu den Vorgängen damals zu erfahren. Billy Meyer wird herzlich empfangen aber Licht ins Dunkel bringt der Besuch auch nicht.
“Wir hatten ja auch jüdische Freunde”.
Diesen -hilflos entschuldigenden Satz- haben wir in unserer Familie ab und dann gehört. 2022 taucht aber im Bundesarchiv die Aufnahmekarte der Großmutter in die NS-Frauenschaft auf. Jetzt stellen sich neue Fragen. Die Wunsch- Bilder von Großvater und Großmutter bekommen Schatten und Risse.
DAS PROJEKT „DIE MÜHLENGESCHICHTE“ ALS ECHOKAMMER:
Einige Mitglieder der deutsch-jüdischen Familien Meyer und Grätz überleben den Holocaust. Die Reste der deutsch-deutschen Familie Dabinnus überlebt den Krieg als Flüchtlinge mit verlorener Heimat. Schuldgefühle, intergenerationelle Traumata in beiden Familien. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Billy und Brigitte Meyer und Burchard Dabinnus und seine Schwester Simone sind beide “Erben” dieser „Familien-Angelegenheit“. Familienvertreter . Vieles wird sich nicht mehr genau klären lassen. Zeitschichten überlagern sich. In der Nachkriegszeit traf sich der Großvater Georg Dabinnus einige Male mit Paul Graetz, dem überlebenden Schwager des Ehepaars Meyer. Man versuchte eine Klärung der „Mühlengeschichte“ und von eventuellen finanziellen Ansprüchen. Widersprüche und Legenden bleiben im Raum stehen. Dokumente oder Beweise sind verloren.
Und heute, Jahrzehnte später arbeiten die jeweiligen Nachkommen gemeinsam an diesem Projekt „Die Mühlengeschichte“. Das ist einerseits ein privater Impuls und andererseits will dieser Versuch im Jetzt und Heute auch eine Echokammer, ein Katalysator, ein Beispiel und eine Aufforderung sein. Kulturell wie politisch. Was spiegelt sich heute in uns selber, welche emotionalen Sickerspuren, Bodensätze sind in uns, in unseren Familien abgelagert, verschwiegen ?
Und außerdem, die „Reste von Gestern“, sind ja wieder bedrohliche Gegenwart von heute: Alter Antisemitismus mit neuem Anstrich, in neuen Verkleidungen zum Beispiel. In verschiedenen Verschwörungstheorien und auch in den sozialen Medien immer offener „en vogue“. Rechter und linker Aktivismus treffen einig zusammen. Und der Mythos, daß die Welt eigentlich von reichen und mächtigen Juden gesteuert wird, pflanzt sich anscheinend sowieso von alleine fort.
„Schließlich haben wir die Kontingente nicht direkt vom Juden gekauft“.
Ein familiärer Nachkriegsbrief der 1960er Jahre. „Zitiert“ der Großvater diese Formulierungweise, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er hätte sich an jüdischem Eigentum bereichert?
Eine alte Dame aus einer anderen Familie -aus dem früheren ostpreußischen Bekanntenkreis der Mühleninhaber- sagt zu ihrem Sohn, als dieser nach Dokumenten zu seinem Großvater sucht, er solle…
„…nicht das Ansehen des Großvaters beschmutzen!“
Und da sind wir mitten drin -immer noch- und können nicht behaupten, wir heute jetzt ganz andere Menschen und hätten auch damals sicher ganz anders gedacht und gehandelt!
Viele Mitglieder der jüdisch-deutschen Familie werden umgebracht, einige können ins Ausland gelangen. Mitglieder der Gutsbesitzerfamilie finden sich nach dem Krieg in Schleswig Holstein und schließlich in Bayern wieder.
In dieser Familien-Angelegenheit, der „Mühlengeschichte“, wie sie in einem Nachkriegsbrief kryptisch bezeichnet wird, haben sich private Historie und Zeitgeschichte dicht ineinander verhakt.
Und jetzt ein Versuch einer gemeinsamen Klärung. Auch Mitglieder von Familien, die in der NS-Zeit mit den „Bartensteiner Mühlenwerken“ in verschiedenen Zusammenhängen standen, liefern Beiträge. Ebenso sind Nachkommen aus der Urenkelgeneration –jetzt im Studentenalter- in die Recherche und künstlerische Umsetzung eingebunden. Puzzlestücke aus den verschiedenen Familien werden zusammengelegt. Bei allen gemeinsamen Bemühungen und allem heutigen Einverständnis wird ein Schatten zwischen den Familien stehen bleiben.
PROJEKTSUPPORT:
Zur richtigen Einordnung und Beurteilung von Dokumenten, Hintergründen und Materialien ist teilweise spezielles historisches Fachwissen notwendig. Deshalb wurde Kontakt zu entsprechenden Wissenschaftlern aufgenommen.
Inzwischen ist auch ein Nachkomme der Familie Dzubba-Andrae mit im Team: Jürgen Andrae, der Enkel von Dr. Dzubba, dem „Arisierer“und Günstling des Gauleiters Koch.
Die Veranstaltung in Olsztyn im August 23 ist durch den Kontakt zu Frau Kurowska zusatndegekommen, Vorsitzende der NGO „Borussia“ in Olsztyn, die seit Jahren Verständigungs und Kulturarbeit mit Veranstaltungen, internationalen Workshops etc. leistet.
Literarische Inspirationen kommen auch durch den Autor Artur Becker, der am Ort der Mühlengeschichte in Bartoszyce/Bartenstein aufwuchs und sich in Romanen und Schriften intensiv mit den polnisch-jüdisch-deutschen Zeitschichten beschäftigt hat.
Maßnahmen gegen Femizide geplantWeiterer Tod von Frau schockt Österreich
Seit Jahresbeginn wurden in Österreich bereits neun Frauen getötet – die Verdächtigen sind ihre Partner oder Ex-Partner. Die Regierung kündigt nun ein Maßnahmenpaket an. Kommende Woche soll es einen Sicherheitsgipfel geben.
Eine Serie von Tötungen von Frauen in Österreich hat Bestürzung und Rufe nach politischen Maßnahmen ausgelöst. Nachdem eine Frau in Wien mutmaßlich von ihrem ehemaligen Lebensgefährten mit einem Kopfschuss getötet worden war, kündigte die Regierung am Freitagabend ein Maßnahmenpaket an. Seit Jahresbeginn gab es bereits neun Fälle, bei denen Frauen umgebracht wurden und die Verdächtigen ihre Partner oder Ex-Partner waren.
Die 35-jährige Frau und zweifache Mutter wurde laut Polizei am Donnerstagabend in ihrer Wohnung erschossen. Der Fall erregte auch wegen des 42-jährigen Verdächtigen großes Aufsehen. Die nunmehrige Fraktionschefin der Grünen, Sigrid Maurer, hatte ihn im Jahr 2018 öffentlich beschuldigt, ihr frauenverachtende Facebook-Postings geschickt zu haben. Der Mann, ein Bierhändler, reagierte mit einer Klage wegen übler Nachrede, ließ sie jedoch schließlich fallen.
„Ich bin zutiefst erschüttert. Das ist unerträglich“, schrieb Bundespräsident Alexander Van der Bellen auf Twitter über den jüngsten Fall. „Entschlossene Maßnahmen sind jetzt endlich dringend erforderlich“, forderte der ehemalige Chef der Grünen.
Innenminister Karl Nehammer und Frauenministerin Susanne Raab von der konservativen ÖVP kündigten einen „Sicherheitsgipfel“ mit führenden Polizeibeamten für Montag an. Dabei soll es unter anderem darum gehen, wie Behörden durch engere Zusammenarbeit gefährdete Frauen besser schützen können. Während Raab betonte, dass jede betroffene Frau Schutz und Hilfe in Anspruch nehmen könne, klagten Opferschutzorganisationen erneut über völlige Überlastung und mangelnde staatliche Unterstützung.
Der Preis, den wir bekommen haben ist eine große Anerkennung, aber leider ist das Problem um das es geht, immer noch (täglich) genauso aktuell. Und der Preis macht auch nicht die getöteten Frauen wieder lebendig und auch ihr Leid nicht rückgängig, ebensowenig wie das ihrer Angehörigen. In diesem Sinne ist dieser Preis auch eine Aufforderung weiterzudenken, das Thema nicht als „bearbeitet“ in die Ablage zu legen. Und der Preis ist -für mich persönlich- auch eine Widmung für Leena Vartiainen, Marion Zagermann, Konstantina Ulitsch und eben für Saskia, die mit all Ihren Möglichkeiten und Talenten schon durch den Missbrauch durch ihren sozialen Vater zu „lebenslänglich“ verurteilt wurde. Bis sie schließlich auf ihren finalen Henker und Vollstrecker traf, den sie -bittererweise- kurzzeitig für ihren Retter hielt, den Mann, der den erlittenen kindlichen Missbrauch rückgängig macht.
„Flüsterzettel-Solo“ ( Premiere Juni 2020 im HochX-Theater)
Der gestreamte Videomitschnitt des Solos ( in einer Veranstaltung der ev. Kirche Herrsching in Zus.arbeit m.d. ev. Akademie Tutzing) Audiospuraus dem Solo
INHALT: In den Zettelbotschaften, die sich meine Eltern in der Anfangszeit ihrer Beziehung schrieben -im Büro des BND in den 1950er Jahren- klingen zwischen den Zeilen, zwischen Liebessehnsucht, Alltagsbewältigung und Interna des Bürolebens auch alle Widersprüchlichkeiten der Zeitgeschichte an.
Diese Fragezeichen und Leerstellen greife ich mit meinem „Flüsterzettel-Solo-Programm” auf. ( Eigentlich hätte eine Wiederaufnahme des Flüsterzettelabends gespielt werden sollen, so wurde durch Corona ein neues Format daraus. Das wechselte von „Flüsterzettel-Solo“ über „Zeitreise“ bis zu „Zeit-Reste“ ein paarmal den Titel da sich auch die inhaltichen Schwerpunkte weiterentwickelten und entwickeln)
Ich wage als “Nachgeborener” eine sehr persönliche Zeitreise: Ich konfrontiere mich mit meinen eigenen bewussten und unbewussten Wahrnehmungen; in den 1960er und 70er Jahren, in meiner Familie und in meiner Umgebung:
Die “Reste von Gestern”, die Sickerspuren der Geschichte. Worüber gesprochen wurde und worüber geschwiegen werden musste.
“Du sollst nicht lügen” hieß es und doch musste ja gelogen werden. “Du sollst nicht töten” und doch war ja getötet worden, das Kind fragt lieber nicht danach.
Eines Tages stehe ich als Schüler am Bahnhof Herrsching und verteile Flugblätter: ”Freiheit für Rudolf Hess”, steht darauf. Ein Schulfreund hatte mich darum gebeten. Ich selbst wußte nichts von Rudolf Hess. Ein paar Jahre später nimmt mich als Jugendlicher eine Top Spionin der HVA, die in der Abteilung seines Vaters beim BND arbeitet, auf einen Skiausflug mit. Und es gab ja auch noch den geliebten Kinder-Grossvater, den Oberst a.D. Filzinger, Artilleriekommandeur und im Einsatz bis weit in die Ukraine.
Und sehr viel später taucht plötzlich der Enkel einer jüdischen Familie aus dem früheren Ostpreußen auf und stellt Fragen zu seinen Grosseltern, die mit Familie Dabinnus vor dem Krieg eng befreundet waren.
Dafür habe ich Recherchen gemacht und Interviews geführt, die in Ausschnitten auch Teil des Programms sind.
Und es wird bei dieser “Rückschau” rasch klar, wie aktuell manche Themen und Fragen immer noch sind, beziehungsweise wie die “Reste von gestern” leider in unserem heutigen Leben wieder zu neuer Blüte kommen.
Ich selber hätte im Podcast gerne mehr von den Reaktionen und Einlassungen des Winfried Brenner, vormals Winfried Ratajczak ezählt. Ich habe ja auch den Prozess im Jahr 2014 mitgeschrieben. Aus den Verfahren des Jahres 1983 haben wir eine (auszugsweise ) Niederschrift, aus dem Prozess von 1985, der dann mit seiner Verurteilung wegen Mordes endete, die Prozess-Unterlagen, als auch seine ersten Geständnisse aus dem Februar 84. Des weiteren einige Protokolle der angefertigten Gutachten. Von Seiten der Redaktion musste aber vieles, was thematisch ebenso interessant wäre, herausgenommen werden. Das hatte letzlich Gründe der Dramaturgie bzw. der dann doch begrenzten Folgen und der vielen Inhalte, Personen und Geschichten, die wir ohnehin schon hineingepackt haben.
Seine Aussage bezüglich der Tat in Wien ist im Protokoll direkt nach der Festnahme am Abend des 12.2.84 direkt und vielleicht die „ehrlichste“ von allen Modifikationen, die er noch von sich geben wird:
„Ich habe am Freitag den 1o.2.1984 gegen 17.oo Uhr, meine frühere Lebensgefährtin Konstanina Ulitsch vor ihrem Wohnhaus in Wien 14., Kaltenbäckg. 2, nachdem ich dort auf sie gelauert hatte, ·mit meiner Pistole, Marke FN, Kaliber 7,65 mm, erschossen. Im Vordergrund meiner Tat stand Rache. Sie hat mich angezeigt und deswegen war ich eingesperrt. Sie hat auch meine Persönlichkeit zerstört. Den Mann, der mich hindern und halten wollte, habe ich angeschossen und beim Handgemenge mit meinem Messer niedergestochen. Dieses Messer wurde mir bei meiner Verhaftung abgenommen.“
Im Dezember 83 findet das 1.Verfahren gegen ihn statt, weil er wegen Vergewaltigung, schwerer Drohung gegen Konstantina Ulitsch und wegen Betrugsdelikten in U-Haft sitzt. Er schreibt Konstantina Briefe aus dem Gefängnis, in denen er Reue zeigt und alles wieder gut machen will etc. Sie will nichts mehr davon wissen, verständlicherweise. Das fasst er dann – nur als Beispiel für seine Art der Wahrnehmung – im längeren schriftlichen Geständnis am 13.2. folgendermassen auf:
„…..insbesondere konnte ich erkennen, daß ihr Verhalten nur von Haß gegen meine Person geleitet wurde. Ich war durch diese Erkenntnis so schockiert, daß ich vorerst keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich und sie wußten, daß ihre, bei Gericht beigebrachten Anschuldigungen zum Teil zu Unrecht bestehen und sie ihren unrechten Weg, den sie gegen mich eingeschlagen hatte, weiterverfolgen muß. Deswegen mußte sie mich immer aufs Neue belasten und neue Anschuldigungen vorbringen. Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich Diana und ihre Mutter, die ebenfalls ihren Haß gegen mich versprühte, psychisch vernichten wollten. Ich kam zu dem Schluß, wenn mir Diana und ihre Mutter jede weitere Zukunft verbauen wollen, daß ich da reagieren müsse. Ich habe in Gedanken erwogen, Diana umzubringen, um von ihrem Haß befreit zu werden. Als Tatwaffe sah ich in Gedanken eine Pistole vor mir und stellte mir das Bild vor, wie ich sie erschießen werde. Von diesem Moment an, zog ich konkret in Erwägung, daß ich sie umbringen werde und ich habe damit begonnen alle Vorbereitungen zu treffen, damit ich dieses folglich einmal realisieren kann. Ich machte mir Gedanken wie ich mir eine Waffe beschaffen könnte.“
„Generell ist zu sagen, daß ich Dianahs Liebe wollte, nicht ihren Tod. Generell ist auch zu sagen, daß während der letzten beiden Wochen, insbesondere vor der Tat den Wunsch verspürte, Dianah zu töten, ich diesen Wunsch aber stets nicht bewußt werden ließ. Der Wunsch,begleitet von der Vision der Tat, daß ich Dianah also mit einer Pistole niederstrecken würde, erschien mir als Befreiungsakt….Eine seltsame Vorfreude erfasste mich, ein Gefühl, daß ich alsbald von einer mich erdrückenden Last befreit sein würde, Melodien von Schlagern hörte ich innerlich. Ich ging in die Kaltenbäckgasse….“ „Ich weiß undeutlich, daß ich auf Diana geschossen habe, sehe ein verwaschenes Bild, wie sie auf dem Bürgersteig liegt, erkenne dabei aber nicht die geringste Verletzung oder gar Einschüsse“
Aus diesen Zitaten aus seinem schriftlichen Geständnis vom 13.2.84 erkennt man das Schema, das er auch 2014 im Prozess anwendet. Man weiss nicht, was er davon tatsächlich auch glaubt. Er leugnet nicht grundsätzlich das Geschehene, er findet aber tausendundeine Begründung, aus welchen Hemisphären er gesteuert worden sei und dass er das eigentliche Geschehen nicht mehr wirklich erinnere etc. Wobei seine Argumentation 2014 noch etwas anders gelagert ist, aber grundsätzlich hat sich in seinen Einlassungungen und an dem ihn selbst entlastenden System nichts verändert. Eigentlich ist er das Opfer. Etwas ist passiert, wofür er nur teilweise verantwortlich ist.
„…..kann passiert sein, an das ich mich in Einzelheiten nicht erinnern kann. Einzelne Bilder kann ich lediglich vergegenwärtigen, wovon eines ist, daß ich den mir zu dem Zeitpunkt seltsam klingenden Knall der Pistole höre, allerdings nicht in einer Vielzahl, so daß ich nicht weiß, wie oft ich gefeuert habe. Ich weiß nicht, wo ich örtlich die Schüsse auf Dianah abgegeben habe“
Im Prozess von 2014 wird er -auf den Mord an Konstantina Ulitsch in Wien angesprochen- etwas vom leisen Klang einer Kinderpistole erzählen. In Bezug auf den massivst von ihm verletzten Georg Blam, den Konstantina zu ihrem Schutz her gebeten hatte, der Winfried Ratajczak nach den Schüssen von hinten ansprang und mit ihm kämpfte und dem er durch die Schulter schoss und ihm schwerste Messerverletzungen zufügte, äussert er: „Ich bedaure sehr, jemanden verletzt zu haben, der sich in diese Angelegenheit einmischte, mit der Absicht zu helfen und Unheil zu verhüten. Diesen Mann zu verletzen war keine in irgendeiner Form geplante oder beabsichtigte Handlung. Ich wußte nicht, daß dieser Mann ein Kriminalbeamter war, wie mir später mitgeteilt wurde.“
Und sich selbst bedauernd, auf die Frage nach seinen finanziellen Verhältnissen:
„Ich habe kein Vermögen mehr, ich habe meinen ganzenVerdienst und mein Vermögen in Dianah investiert „
Was natürlich auch eine entsprechend haarsträubende Aussage ist, denn er ist schon vollkommen überschuldet aus der BRD zu Konstantina gezogen, hat in Österreich wiederum Schulden aufgehäuft, mit ungedeckten Schecks betrogen, nach seiner Freilassung im Januar 1984 von seinem Bekannten Mayer, der ihm einen Job und eine neue Unterkunft verschaffte, am Tattag 20.000 Schilling „geliehen“ und den Bekannten bei einem Verkauf von Heizungselementen aus dessen Lager um 14.000,- geprellt und sich anschliessend von dem Geld die Tatwaffe beschafft. Dies war ja bereits die zweite Waffe, die erste hatte man ihm bei seiner Verhaftung, nach der Vergewaltigung von Konstantina, der Wohnungszerstörung und der Geiselfahrt mit Waffe am Kopf von Konstantina abgenommen. Um von all dem abzulenken hatte er dann noch einen seiner inszenierten Selbstmordversuche unternommen und auf diese Weise Schutz in der Klinik gesucht. 2014, in der Rückschau, stellt er die brutale Taten von 1983 und 1984 stichpunktartig so dar:
„….. Sie ist oft nicht nach Hause gekommen, hat auf Fragen ausweichend geantwortet. Diese Situation habe ich nicht verkraftet, habe im Zuge des Ausnahmezustandes Wutanfall gehabt. Wurde verhaftet, habe Job verloren. Ein halbes Jahr später aufgrund Gutachten entlassen. Gelöbnis ihr sich nicht zu nähren. Berufliche Situation vorher: Nebengeschäfte mit Heizungsanlagen in der Wiener Peripherie. Mit viel Geld unterwegs. Braucht man Waffe dafür. Im Zuge dessen für 10000 Schilling Pistole besorgt. Nicht gedacht die Pistole später so ein…..hatte Pistole eingesteckt. Hatte sie gesehen, bin auf sie zugelaufen, habe sie erschossen. Habe nicht wahrgenommen, sie in Begleitung ihres Sohnes. Diese Ulitsch leider tötlich getroffen. Polizeibeamten verletzt mit Messer…“
Er ist ein Meister der rhethorischen Verschleierung. Er lügt so weit es ihm möglich erscheint. Was gar nicht zu leugnen ist, gibt er grundsätzlich zu. Diese Art von Darstellung wiederholt sich in allen Aussagen. Der Tod von Konstantina, später dann von Saskia wurde nur indirekt von ihm verursacht. Die Frauen haben ihn verletzt durch Zurückweisungen, ist der grundsätzliche Tenor. In Wien wurde er 1983 in der U-Haft durch den verständnisvollen Psychiater Dr. Gross, ehemals für die Euthanasie von Kindern zuständig, unterstützt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Gross ) In dem Gesprächsprotokoll, das dem im Januar 1984 erstellten Gutachten zugrunde lag, fordert der Gutachter Winfried Ratajcak geradezu heraus, sich als Opfer dieser unberechenbaren Frau wahrzunehmen, die ihn und seine Liebe zu ihr ausnutzt. Auch sein Verteidiger Eichenseder schlägt genau in diese Bresche. Und er hat seine Meinung bis heute nicht revidiert. Wie er im Interview mit uns im Februar 2020 versichert, war der Mord an Konstantina Ulitsch nach der Haftentlassung von Ratajcak ganz klar eine „Beziehungstat“. ( Natürlich haben alle diese Taten einen Ursprung in einer privaten Beziehung, aber der Begriff bedeutet bisher- und leider auch in seiner Auslegung im Rechtssystem- dass man dem Mann zugesteht, er hätte aus einem verständlichen Motiv, Eifersucht etc. gehandelt und somit ist die Tötung der Partnerin mehr oder weniger ein Kavaliersdelikt, etwas, was eben mal passieren kann ) An den Mordprozess kann Eichenseder sich nicht mehr erinnern, er hätte keinen Akt mehr davon. Gut erinnern kann er sich aber an das Verfahren im Dezember 1983, wo eben Konstantina Ulitsch mit dem „Riesen- Busen “ auftauchte und seinen Mandanten bis aufs Blut reizte. Zum Tod meiner Cousine und somit zum erneuten Morden seines ehemaligen Mandanten sagt er gar nichts, er geht darauf überhaupt nicht ein. Der Tod von Konstantina Ulitsch sei bedauerlich aber unvermeidbar gewesen. Alle hätten ja noch auf Ratajczak eingeredet, versucht ihm klar zu machen, dass die Beziehung entgültig vorbei sei und er das akzeptieren muss. Aber mehr hätte man gar nicht machen können. Und auch Eichenseder weiss genau, was er sagen will und was nicht. Und auch er betreibt im Nachhinein eine Verschleierung der Historie. Die Entlassung Ratajczaks wurde, wie bekannt, kurz nach dem Gutachten und der Auflage, keinen Kontakt aufzunehmen, vom Richter, der noch im Dezember 1983 gesagt hatte, er könne eine Enthaftung des R. nicht verantworten, dann im Januar 1984 doch unterschrieben. Wieso er das dann doch tat? Sicher hat es im Hintergrund irgendwelche Absprachen gegeben, oder der Richter wurde von Anwalt und Gutachter überredet, alles Spekulation. Winfried Ratajczak, dessen massive Gewaltanwendungen gegen Konstantina Ulitsch im Juni und Juli 83 eine gewisse Hilflosigkeit bei der Justiz hervorriefen, hatte ja schon im Juni/Juli 83 das gelobte Kontaktverbot vollkommen ignoriert, wieso sollte er sich jetzt daran halten? Der Richter, der sich dann nach der Tat auf das positive Gutachten berief, hätte ihn genau genommen nicht frei lassen müssen. Denn das vom Staatsanwalt im Verfahren im Dezember 83 beantragte Gutachten sollte gar keine Prognose abgeben, das war und ist nicht die Aufgabe eines solchen Gutachtens, sondern nur die Schuldfähigkeit des Untersuchungshäftlings beurteilen. Der Richter hatte ja noch vorher gesagt, er wolle R. nicht aus der U-Haft lassen, denn er könne es nicht verantworten. Und prompt geschah das vorhersehbare Verbrechen. Was dann Anwalt Eichenseder wirklich gedacht hat und wie es ihm möglich war, erneut die Verteidigung des Winfried Ratajczak aufzunehmen, das bleibt sein Geheimnis. Und klar: er ist Profi. Als es dann 1985 zum Mordprozess kommt, apelliert er, laut Prozessberichterstattung in seinem Schlussplädoyer sinngemäss an die Geschworenen: „Egal, ob sie auf Mord oder Totschlag entscheiden, bedenken Sie, er hat den Menschen getötet, den er am meisten geliebt hat! . Und prompt sind bei der Abstimmung auf die Fragen an die Geschworenen, zwei Geschworene nicht überzeugt, dass er Konstantina Ulitsch vorsätzlich getötet hätte. Die beiden stimmen mit nein. Natürlich sind das alles Details und vielleicht auch nicht wichtig sie zu erörtern, aber jede einzelne Entscheidung steht in einer Kette von Entscheidungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Er wird wegen Mordes verurteilt, aber er bekommt „nur“ 20 Jahre, obwohl möglich gewesen wäre, ihm ein, in Österreich damals mögliches“ Lebenslänglich“ zu geben. Diese 20 Jahre sind, so erklärt mir eine befreundete Staatsanwältin, soger relativ streng veranschlagt für eine „Beziehungstat“ zur damaligen Zeit. Die Mordmerkmale sind in Wien klar ersichtlich und nicht anzweifelbar. Im Vergleich: Bei der Tötung von Saskia konnte die Kammer 2014 z.B. die „niederen Beweggründe“ und eine planvolle Tötung nicht klar identifizieren oder wollte das nicht. Ja, sie lässt dem Täter doch die Möglichkeit, dass er aus Angst vor der Trennung durchgedreht ist. Also doch auch hier: „Reste von gestern“, ein gewisser Bonus für den Täter, der für sich sprechen kann, während das Opfer eben einfach tot ist.
Die rhethorischen Fähigkeiten des Täters- auch wenn die Kammer 2014 ganz klar sieht, dass er vieles falsch darstellt, haben aber letztlich doch einen untergründigen Einfluss. In seiner Einlassung, seinem „Rückblick“ auf die Zeit vor dem Wiener Mord, mildert und verdreht er auch die Vorwürfe bezüglich seiner Ehefrau in Paderborn, Marion. Der Vorwurf, sie sei aus Angst vor ihm, weil er mit einem Messer vor ihr stand, vom Balkon gesprungen ( es gbt dazu auch ein Aktenzeichen in Paderborn) bezeichnet er als:
„Verleumdung von früherer Frau, Vorwürfe, sie ist persönlicher Feind ab 1984 gewesen. Sie hat sich nicht um Kinder gekümmert. Vorfall angeblicher: sie ist so erschrocken und vom Balkon gefallen. Bedrohung mit Messer nicht zutreffend. Sie wusste, daß ich Messer besaß, als Zimmerschmuck. Sicher bin ich vielleicht verzweifelt gewesen. Besänftigung durch Bruder, Messer nicht gegen sie….Habe Suizidversuch mit Barbituraten….“
Der Anwalt der Nebenklage, Walter Lechner, geht Brenner ganz direkt an und fragt: „Ist das Lüge ? Lügt die Frau, wenn sie von Gewaltsex spricht? Das entarnt Sie glaubwürdig. Von dem was Sie erzählen, was ist gelogen, was ist Wahrheit?“ Brenner antwortet:
„Keine Aussage, bis auf Nebensächlichkeiten trifft zu, zu keinem Zeitpunkt. So absurde Lügen. Als sie zum ersten Mal aufgetaucht sind, hätte ich sie leicht anzeigen können. Das hat nicht zugetroffen. Hatte Vorfall gegeben, bei dem ich mich im Haus aufgehalten hatte und ihr Vorhaltungen gemacht hatte, sie sie sei keine fürsorgliche Mutter. Die Kindersachen schmutzig, der Haushalt… Sie ist in der Tat auf den Balkon und gesprungen und zur Nachbarin gegangen. Ich wollte weder mit ihr schimpfen noch sonst etwas. Das war ein Unfall“ .
„Sie wußte, daß ich Messer sammle. In den Urlauben Finnenmesser, in Kroatien Messer. Damit habe ich nichts gemacht, geschweige denn jemanden bedroht.Das ist eine unglaubliche Schilderung, die hätte ich ja kennen müssen. Meine Schilderungen sind wirklich war.
Da kann man im Nachhinein, nach den Recherchen zu seinen früheren Beziehungen, nur bitter lachen. In dem Moment aber, als ich im Gerichtssaal sass und seine Aussagen hörte, war ich natürlich auch versucht, ihm zu glauben, da er ja ganz ernsthaft betroffen schien. Aber gerade das ist ja bei ihm nicht einzuschätzen. Über Jahrzehnte wurde seinen Beteuerungen dann doch immer wieder einmal geglaubt und selbst nach dieser vorerst letzten Brutalität seines Lebens, bleibt er bei seinen Selbstdarstellungen:
„Ich kann es nicht erinnern, nur weiß ich, ich war zu tiefst verletzt, zu tiefst verzweifelt, kann mich erinnern von Mozart ein bestimmtes Stück gehört zu haben. Das hat dazu geführt, daß ich ein einziges Mal vielleicht ausgerastet bin. All diese Vorwürfe, mich betreffend, treffen an keiner Stelle zu. Ich habe ja 20 Jahre ohne Makel gelebt. Wenn ich so abwegig, so krank wäre, müsstedort ja auch etwas vorgefallen sein. Nicht im Ansatz waren Messer im Spiel oder eine Bedrohung. Meine Frau könnte nichts anderes sagen. Bitte, Herr Staatsanwalt !“
Was seine österreichische Ehefrau Marianne B. tatsächlich dazu sagt, wissen wir nicht. Sie antwortete weder auf Schreiben, noch reagierte sie, als wir in Wien bei ihr klingelten. Er stellt sich als Saubermann und sensibler Ehrenmann dar. Natürlich glaubt ihm die Kammer eigentlich kein Wort, aber alles was er abstreiten und leugnen oder verdrehen kann, weil es ja ohnehin lange in der Verangenheit liegt, das probiert er zumindest. Irgendwen wird er damit schon beieinflussen können. Und wenn es der Prozessberichterstatter oder ein Gutachter ist. Mitleid erwecken, manipulieren, Macht ausüben, das kann er. Nach seiner Entlasssung 1996 nmmt er sofort Kontakt zu seinen Söhnen auf, versucht diese auf seine Seite zu ziehen. Sohn Kai, ohnehin schon durch seine traumatischen Erlebnisse schwer angeschlagen und drogenabhängig, hält das alles nicht mehr aus und begeht Selbstmord. Brenner schiebt den Tod seines Sohnes auf die Russenmafia, die seinen Sohn mit einer Plastiktüte erstickt hätte, aber er hätte sich um die genauen Umstände nicht kümmern können. Etwas kryptisch rutscht ihm immerhin die Bemerkung heraus:
„Da habe ich eine Schuld auf mich geladen“.
Was noch ein paar Jahre davor, Anfang der 1970er in Finnland passiert ist, muss er wohl oder übel zugestehen, denn das wurde polizeilich ausführlich protokolliert ( obwohl letztlich in Finnland, mangels Beweisen, keine Strafverfolgung stattfand, sondern nur eine Ausweisung ) :
„… in Finnland ist es, habe ich jetzt nicht mehr im Kopf gehabt, zur Ausweisung gekommen. Es ist zu einem gänzlichen Fehlverhalten gekommen, daß ich meine frühere Frau bedroht und leider- kann es nicht anders sagen, vergewaltigt habe. In diesem Zusammenhang ist als Drohwaffe auch ein Messer gefunden worden.“
Hier ist es zufällig dann doch, das Messer. Obwohl er ja Messer höchstens als Wandschmuck verwendete. Als er dann im Prozess 2014 auf den Tag der Tat und somit auf Saskias Tod angesprochen wird, scheint er zwar emotional beteiligt und bewegt, aber der Prozessbeobachter fragt sich, ob seine Tränen nicht wirkliches Mitleid und Reue darstellen, sondern theatralische Tränen des Selbstmitleids sind. So eine extrem narzisstischte Interpretation seiner sozialen Umgebung kann Ursachen in seiner Entwicklung als Kind und Jugendlicher haben. Auch die Verknüpfung von Liebe und extremer Strafe: Wenn sich eine von ihm begehrte Person weigert, ihm unabdingbare Liebe zu geben, sich von ihm abwendet.
Mit dem Kind, das er einmal war, könnte man noch Mitleid haben. Wie aus meinem Gespräch mit seinem Bruder hervorging, war Prügelstrafe in der Familie R. normal, so wie in vielen Familien. Prügelstrafe verbunden mit einer „christlichen“ Nachkriegs- Erziehung. Besonders geschlagen wurden die Söhne vom Vater, wenn sie gelogen hatten, also gewöhnten sie sich an, noch mehr und besser zu lügen. Auch wird das katholische Internat, auf das Winfried zeitweise geschickt wurde, sicher auch seinen Anteil gehabt haben. Das war „normal“. Der Bruder berichtet davon, wie er selber versuchte sexuelle Übergriffe der Padres abzuwehren und dass sein Bruder Winfried auf dem Internat missbraucht worden sei. Alles heute nicht nachweisbar. Dass da „Schuld und Sühne“ das Kind Winfried nachhaltig geprägt haben, ist anzunehmen und darf doch keinesfalls als Entschuldigung für sein späteres Handeln gelten.
„Darf ich ein persönliches Wort vorrausschicken an Freunde und Verwandte: Ich neige mein Haupt vor deren Schmerz und Zorn, ebenso mein Haupt vor der toten Saskia, in tiefster Reue und immerwährender Verzweiflung.“
Zu den Ereignissen des 11./12.8. 2013 beginnt er mit wohl gesetzten Worten eine neue Legende und man merkt deutlich, wie er eigentlich nur um sich selber kreist, seine Ängste und Gefühle ständig in den Vordergrund stellt und eben nicht wahrnimmt, in welcher Situation sich Saskia befand und auch nicht zugibt, dass -laut einer Aussage des Bruders gegenüber der Kripo, die der Richter eher zufällig zitierte- Saskia zu eben diesem Bruder Ernst- Rainer am Telefon, am Nachmittag der Tat, gesagt haben soll: “ Der Winfried hat ein Messer“, „Ich habe Angst zu sterben“, „Jetzt weiss ich, was der Winfried gemacht hat“.
Mir gegenüber im Februar 2020 wusste der Bruder das dann alles nicht mehr so genau. Leider wollte der Bruder im Prozess nicht als Zeuge aussagen, da er mit Winfried absolut nichts mehr zu tun haben wollte und will und somit konnten seine Aussagen wohl nicht verwertet werden. Das Gericht hätte wohl die Möglichkeit gehabt, über Umwege, seine Aussagen trotzdem verwenden zu können. Diese Mühe hat man sich nicht gemacht. Wir haben diese Protokolle der Kripo leider auch nicht zu Gesicht bekommen, weil wir nicht an Gerichts-Akten von 2013/24 herangekommen sind. Aber Anwalt Lechner, der die Akten ja eingesehen hatte, hatte damals Inhalte aus den Protokollen angedeutet. Auf diesem Hintergrund sind Winfried Brenners weitere Einlassungen geradezu zynisch:
„Wir hatten uns versichert uns noch zu lieben, unbedingt würde eine Aussprache ausstehen. Am Sonntag hatten wir vorgehabt zu sprechen, wie wir zueinander gestellt wären. Die Unsicherheit verbalisieren und ja….. dummerweise sich Mut angetrunken dazu. Ich hatte die Befürchtung, die Trennung ausgesprochen zu hören und das hätte mich sicherlich nicht kalt gelassen. Wir haben uns dann selber zugeprostet in der Küche und haben nach Kaffee und Likör auf den Balkon gewechselt. Dann hat Saskia Telefonate angefangen. An manchen war ich beteiligt, bei den meisten bin ich daneben gesessen und habe zugehört. Ich habe zunehmend Alkohol genossen und war nicht in der Lage etwas sinvolles zu tun. So verging der Nachmittag mit Trinken und Telefonaten. Ich kann mich erinnern, sie hat mit meinem Bruder gesprochen, mit Kostas aus Berlin, mit dem hat sie ja schon öfters telefoniert. Mein Anliegen zu sprechen wurde nicht eingelöst. In meiner Erinnerung hat sich dann die Stimmung verschlechtert, verdüstert. Die Ängste vor einer Trennung der Beziehung wurden immer intensiver. Ich bin in Gedanken dem gefolgt, derTrennung, habe mir das vorgestellt, hatte jeden Sinn verloren. Ich will das nicht bewerten. Ich wollte ein Ende vollziehen und dem nachkommen indem ich ein Messer, das ich aus meinem Haushalt mitgebracht hatte, im Wohnzimmer an mein Herz gelegt hatte. Ich habe gesagt: „Du hast mich verraten“. Saskia wollte das Messer wegnehmen: „lass das, du bist mein Zwilling“ .Dabei hat sie sich selber an der Hand verletzt. Sie wollte mich auf andere Gedanken bringen. „Komm gehen wir ins Bett“ und hat ihr Höschen ausgezogen. Ich erwiderte: „Ich kann nicht, geht nicht in dieser Sitution“. Ich kann mich nicht erinnern, habe mich ebenfalls entkleidet. Aber das war nicht meine Einstellung zu Liebe, zum Zusammensein. Mir war klar: das ist nicht die Wirklichkeit. Saskia hat sich in einen Sessel gesetzt und dann gesagt, sie gehe noch rasch auf die Toilette. Und dann höre ich die Wohnungstür öffnen und sie hat sich in den Flur gestellt und gerufen: „Hilfe. Hilfe, ich sterbe jetzt“. Sie war nach draußen gelaufen. Wieso ruft sie „Ich sterbe jetzt“?“
Er müsste doch ganz genau wissen, was ihn selber angeht, in so einer Situation: Es wiederholt sich etwas. Aber er geht nicht einfach weg. Hinüber in sein Appartement, auf die Straße, sonstwohin, stürzt sich vor den Zug, vergiftet sich, das könnte er ja tun. Sein Ego ist gekränkt und es muss zufrieden gestellt werden und das geht nur in dem er wieder Macht erlangt und sei es durch die Hinrichtung des Partners. Die Kontaktaufnahme mit dem Bruder, weist aber deutlich darauf hin, was im Raum gestanden hat. Der Bruder erzählt im Gespräch davon, dass Saskia Angst gehabt hätte zu sterben, dass er sogar nach Prien fahren wollte, aber nicht konnte, es auch nicht wirklich geglaut habe, dass sein Bruder so blöd sein würde, nochmals so etwas zu tun. Ganz genau könne er sich nicht erinnern. Das alles weist darauf hin, dass es keine spontane Gewaltentladung war, sondern sich über Stunden vielleicht hingezogen hat. Die Kammer des Landgerichtes Traunstein hat diese Telefon-Situation mit dem Bruder fast gänzlich übergangen. Der Bruder wurde als Vermittler hinzugezogen, so wie er wohl des öfteren schon in Konflikt-Situationen seines Bruder Winfried in verschiedenen Beziehungen eine Rolle spielte. Aber auch der Bruder zieht sich heraus, gibt zu, dass es eine kritische Situation gab, am anderen Ende der Leitung in Prien am Chiemsee, aber dass nochmal sowas passieren würde, hätte er nicht vermutet. Winfried selber stellt dann den eigentlichen Tatverlauf so dar:
„Das habe ich weder gedacht noch gewollt, eigentlich wollte ich sterben. Ich nehme an, ich hatte die Augen geschlossen, stehe mit dem Messer -ich hatte keine Erfahrung mit Messern- gleichzeitig sollte ich das Diktum erfüllen: „Ich sterbe jetzt hier“. Sie war weiter gegangen. Das habe ich nicht beabsichtigt. Augenscheinlich habe ich mit geschlossenen Augen auf dem Gang auf sie eingestochen. Sie ist am Treppengeländer gestanden, dann sinkt sie zusammen. Ich habe versucht sie in die Wohnung zu ziehen. Ich spüre, es hat eine Verwandlung gegeben. Ich greife nach ihr und ich versuche ihr Leben zu finden. Dann habe ich meine Tat bemerkt. Das hat mich hart getroffen. Wollte mich dann selbst …. habe aber in der Panik das Messer nicht gefunden, bin in meine eigene Wohnung und habe anderes Messer gesucht. Die Nachbarin hat geläutet, ich habe kurz gesagt, es sei alles in Ordnung. Kurz danach hat es geklopft und die Polizei bittet um Einlaß.Ich war im Bad, habe mir die Bauchdecke durchstoßen. Mußte mich spontan entleeren. Habe mir erneut die Bauchdecke durchstoßen um zum Herzbeutel zu gelangen. Es schmerzte gar nicht in der Zeit. Die Polizei hat mich an der Tür zum Badezimmer mit Pfefferspray attakiert. Da war für mich natürlich klar, was ich angerichtet hatte. In dem Sinne bin ich ja auch gestorben, biologisch bin noch noch am Leben. Für mein jetziges Empfinden war es ein erweiterter Selbstmord. Obwohl Saskia jetzt als erste gestorben ist. Muß dazu sagen: Lügen hätten kein Sinn, ich würde alles zugeben, was als Möglichkeit einzuräumen wäre. Sicher war es eine Ausnahmesituation.
Jetzt wird es wirklich vollkommen grotesk, indem er das Stichwort „Lügen“ selber aufgreift und unglauliche Ausreden und Darstellungen vorbringt. Winfried als Erfüller eines Diktums, als ausführender Helfer ihres Wunsches zu sterben. Wieder so eine rethorische Seifenblase. Er glaubt sich das vielleicht tatsächlich, ist ergriffen von seinem eigenen Schicksaal. Er hat sich alles so zurechtgelegt als tragischer Held, der eigentlich nur das Beste wollte. Ich bitte meine unsachlichen Sarkasmus zu entschuldigen, aber eigentlich spottet er über die Tote und das Gericht kann ihm keinen Einhalt bieten. Anwalt Lechner wird in seinem Schlussplädoyer auf diese Lügenarie und Winfried Brenners Selbstgerechtigkeit eingehen und sehr emotional und über sein Amt hinaus den Angeklagten angreifen und ihm vorwerfen, dass er hier grosse Worte schwingen würde und eigentlich nur ein brutaler Messestecher sei, der sich selbst nicht in Gesicht sehen könnte: „Absolut schäbig, wie Sie sich hier verhalten haben“. Denn eine sehr wahrscheinliche Annahme der Wirklichkeit dieses Nachmittags ist: Er hatte schon längere Zeit Saskia mit dem Messer bedroht, sie vielleicht sogar weiter telefonieren lassen. Er hatte ihr irgendwann mit dem Tod gedroht, sollte sie aussprechen, dass sie nicht mehr mit ihm zusammensein will ( worüber es wahrscheinlich zwischenden den beiden schon des öftereren Auseinandersetzungen gegeben hatte). Er hatte ihr offenbart, schon einmal eine Frau getötet zu haben, weil diese sich trennen wollte. Er gibt sogar in der Verhandlung kurz und kryptisch zu, er hätte sie zum Schweigen bringen wollen, er hätte einen drohenden Eklat verhindern müssen. Der Richter fragt an diesen Stellen leider nicht nach. Er fragt allerdings in Bezug auf das zum angeblichen Selbstmord gezogene Messer, ob er, Brenner, sich damit nicht Liebe erzwingen wollte? Dem Richter und der Kammer ist klar, dass -auch in Anbetracht all der Vortaten und der Hinweise in Saskias Wohnung, in Anbetracht des nackten Opfers, des halbnacktenTäters, eine versuchte Vergewaltigung absolut anzunehmen ist, doch eben ohne Zeugen nicht beweisbar ist, letzlich zur Aburteilung nichts beitragen kann. Sie glauben ihm kein Wort, aber prüfen nur da weiter, wo es um die eigentliche Tat geht. Man drückt aufs Tempo, das Strafmass ist von vornherein kalr, man will die Sache fachgerecht zuende bringen, man hält sich an diffusen Punkten nicht länger auf. Das kann im Nachhinein noch wütend machen, denn genau hier wird ja letzlich das Opfer und die Situation übergangen, in der sich Saskia befunden hat und die Brutalität und die seelische Grausamkeit, die Winfried schon im Zeitraum vor der eigentlichen Tat herauskehrte. Diese Würdigung ist eben nicht Aufgabe der Verhandlung und das ist bitter. Da es keine Zeugen und Beweismittel gibt, wird im weiteren -kurzen- Verlauf dieses Prozesses nur das Tatgeschehen an sich, der mit zahlreichen Spuren relativ deutlich nachvollziehbare Tatvorgang und dessen Be- und Aburteilung im Mittelpunkt stehen. Ratajczak beharrt auf seiner Version der Liebes und Verzweiflungs-Tat:
„Ich habe Ihnen geschildert, meine hochgradige emotionale Abhängigkeit. Da besteht kein Zusammenhang zur anderen Tat. Sie war meine Diana. „Du bist meine Göttin“, habe ich gesagt, ohne sie wollte ich nicht leben.“
Auch Konstantina nannte er „Diana“, er wiederholt sich und sein Schema. Und hat sich neue Fantasien überlegt:
„Ich wäre sicherlich bereit gewesen -mit der Zeit- mich komplett zurück zuziehen. Durch ihr „ich sterbe jetzt“ ist überhaupt erst die Situation entstanden. Hätte sie anderes gesagt, hätte ich anderes gemacht. Das habe ich als Aufforderung interpretiert. „Ich habe mich an keiner Stelle selber geschont bei diesem Geschehen, in diesem Zusammenhang. Es heißt, ich hätte 14 mal zugestochen. Wann habe ich gestochen? Man weiß, man hat zugestochen und dann fällt alles zusammen, erst an der Stelle“
Diese Aussagen machen mich auch beim erneuten Lesen vollkommen sprachlos. Dieser Mensch hat niemals an sich weitergearbeitet, nicht nach dem irren Geschehen in Wien, nicht im Gefängnis, nicht in der Zeit in Freiheit, in der Zeit seiner Beziehung zu Marianne Brenner, die das Glück hatte, nicht die „grosse Liebe“ zu sein, wie es auch der Richter am Schluss des Prozesses anmerken wird. Er ist nach wie vor von sich und seiner Auffassung überzeugt. Er hatte immer hin Einzeltherapie im Gefängnis, außerdem Psychodrama und Entspannungsthearpie und nach seiner Entlassung 1996 bis zum Jahr 2000 eine Therapieauflage und letztlich war er nicht thearpierbar. Gutachter Professor Nedopil führt in der Verhandlung an, dass der Angeklagte ein sehr intelligenter Mensch sei und u.a. einem Gutachter (wie damals, dem Dr. Gross in Wien) glaubhaft gemacht habe, die Trennung von Konstantina Ulitsch überwunden zu haben. Seine Entlassung damals wäre ein Fehler gewesen. Der Angeklagte könne durch Intelligenz viel kompensieren. Professor Nedopils Anmerkung weist deutlich darauf hin, wie gross das manipulative Potential des Winfried B. ist und wie er es geschickt in den Dienst seines Egos stellt.
„Als Kind habe ich einmal in einem Traum gesehen, wie sich mein Gesicht verändert und ich ein Idiot geworden bin. Nur ein Idiot kann seine Freundin umbringen.“
Einzig dieser Satz kommt vielleicht einer -wie auch immer gearteten Wahrheit- noch am nächsten. Das letzte Wort hat der Angeklagte:
„Ich würde alles geben, um das entsetzliche Geschehen ungeschehen zu machen. Ich bin hier Anschuldigungen und Lügen ausgesetzt. Am letzten Tag vor Saskias Tod bin auch ich biologisch gestorben. Saskia war eine ungewöhnliche Frau. Sie hat ohne an sich zu denken in die Klinge gegriffen, Dafür werde ich mich bis zum letzten Atemzug schämen.Danke.“
Und selbst hier probiert er nochmal, sich als verirrter Liebender darzustellen, der aus dem Leben scheiden wollte und unglücklicherweise seine Partnerin dabei tötete, die in selbstlos vor der Selbstrichtung bewahrt hat. Fast möchte man ausrufen: „Ja, warum hast du dich dann nicht umgebracht, sondern Saskia?!“ Winfried will sich als das Opfer der Umstände und seiner sensiblen Liebe sehen. Er hat sich zum Richter ermächtigt, er hat sich eine „license to kill“ erteilt. Er hat das Todesurteil ausgesprochen gegen Konstantina in Wien 1984 und jetzt gegen Saskia 2013 in Prien. Ihr beider Vergehen war, sich von ihm trennen zu wollen, ihm nicht mehr gehören zu wollen. Dafür wurden sie von ihm zumTode verurteilt und von ihm in persona auch ausführender Henker hingerichtet. Dann war er zufrieden denn er hatte gesiegt. Am Landgericht Traunstein wird er 2014 wegen Totschlags verurteilt zum strafrechtlichen Höchstmass von 14 Jahren. Plus der Option auf Sicherungsverwahrung, da eine weitere Gefährlichkeit anzunehmen ist. Es ist der Kammer da keine Nachlässigkeit vorzuwerfen, das bestätigt auch eine Staatsanwältin. Sie wollten ihn wegpacken und das haben sie auch gemacht. Das Urteil ist revisionssicher. Und trotzdem: Wenn man selber den Prozess verfolgt hat und im Rückblick jetzt nochmal in Erinnerung ruft dann werden viele Defizite deutlich, die sich auch in der Urteilsbegründung ausdrücken. Die Urteilsbegründung ist ja bekanntlich eine interne juristische Abfassung, die in den Formulierungen stets vorsichtig abwägend sein muss und manche inhaltliche Kompromisse- entgegen der wahrscheinlichen Wahrheit- machen muss. Ich habe mir das lange erklären lassen, denn ich habe diese Begründung als nachträgliche Ohrfeige für Saskia und auch für die anderen Opfer gesehen. Dort sind teilweise die lügenhaften Aussagen des Angeklagten eins zu eins übernommen, weil man im Gericht diese nicht widerlegen konnte. So muss gelten, in dubio pro reo. Und dann steht dort eben, dass z.B. die frühere Ehefrau Marion Zagermann keiner Gewalt ausgesetzt gewesen wäre, obwohl jedem im Saal klar war, wie er sie behandelt haben muss. Aber man hat sich da nicht die Mühe gemacht, dafür z.B. in Paderborn vorhandene Aktenzeichen extra einzusehen etc. Und Marion Zagermann wollte, weil sie schwerkrank war und aus purer Angst vor diesem Mann nicht nach Traunstein kommen. Sie war telephonisch befragt worden. So „konnte sich das Gericht kein eigenes Bild von der Zeugin machen“. Und deshalb wurde niedergeschrieben, dass es keine Gewalt gegen die frühere Ehefrau gegeben habe. Die Vortaten waren sowieso für die Urteilsfindung für die Tat 2013 juristisch nur begrenzt relevant. Und um auf Nummer sicher zu gehen und keine Revisionsmöglichkeit zuzulassen, hat man eben eine Gewaltanwendung gegen Marion Zagermannn als unwahrscheinlich protokolliert. Das hätte man, sagt auch die befreundete Staatsanwältin, auf alle Fälle zumindest besser abfassen können. So dass, bei aller Revisionssicherheit auch eine Würdigung des und der Opfer aufscheint. Man beliess dem Angeklagten in der Urteils- begründung auch seine Selbstmordabsichten und liess in Frage kommende Vergewaltigungsabsichten unter den Tisch fallen. Und so wurde -zumindest in diesem Dokument, das zwar nicht für die Öffentlichkeit geschrieben ist, aber doch eine Niederlegung, ein Zeitdokument ist, seiner Perspektive in einzelnen Punkten recht gegeben. Man hat sich nicht die Mühe gemacht, zumindest anklingen zu lassen, was wahrscheinlich am Nachmittag passiert ist, aber im Detail vielleicht nicht nachweisbar. Auf diese Weise hat man ihm dann doch Zugeständnisse gemacht und er hat sozusagen das Gesicht gewahrt. Das Dokument muss lügen, um nicht angreifbar zu sein. Indirekt hat er zum wiederholten Male manipulieren können. Auch wenn der Angeklagte mit seinen Märchen vom armen Liebenden kein mildes Urteil erfuhr, keinen strafrelevanten Bonus erhielt. Es wurde auf „Totschlag“ geurteilt und war bei genauerer Betrachtung und wenn man z.B. die Aussagen des Bruders von Winfried verwertet hätte- was vieleicht juristisch Mühe gemacht hätte- ein Mord gewesen. Mit vorheriger Androhung. Auch Konstantinas Mutter hatte er damals in Wien, geleich nach seiner Entlassung aus der U-Haft per Telefon bekannt gegeben: „Von dir werden nur ganz kleine Fetzchen bleiben, aber vorher muss ich noch etwas anderes erledigen.“ Es wird klar, dass eben auch 2014 immer noch die letztlich undurchschaubare „Beziehungstat“ im Hintergrund des Denkens und Urteilens stand. Massive Veränderungen sowohl im Bewusst sein der Justiz, als auch in den Möglichkeiten der Auslegung der bestehenden Gesetze, als auch einer Neuabfassung erscheint notwendig. Wäre die gesamte Form des Prozesses mit dem heute doch ausgeprägteren Bewusstsein anders augefallen?
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So erschien es nicht, wenn man es aus Sakias Perspektive sieht. Was nicht wirklich relevant erschien, und wo man während des Prozesses nicht recht weiterkam, obwohl die Fragen im Raum standen wurde pragmatisch und rasch weitergespult, weil ja das Urteil wahrscheinlich ohnehin schon klar erschien. Und das ist der Punkt, der die Würde des Opfers betrifft, denn darauf wurde nicht eingegangen: In welcher Situation befand sich Saskia vor der Tat, die Geiselnahme und Messerbedrohung und versuchte Vergewaltigung vor der Tötung, diese besondere Infamie, hätten geprüft werden müssen, auch wenn sie nichts am Strafmass geändert hätten. Man hätte trotzde die Aussagen des Bruders gegenüber der Kripo zumThema machen müssen, um Winfried Brenner und seine Darstellung widerlegen zu können! Allein aus moralisch/ ethischen Gründen, der Person des Opfers und seinen Angehörigen und Freunden gegnüber. Das hat man nicht gemacht, aus juristischen Gründen oder auch aus Bequemlichkeit oder weil 2014 der Begriff eines Femizid noch gar keine Relevanz hatte.
Zwei Beispielexte für die Behandlung des dokumentarischen Textmaterial und dessen „Verdichtung“:
In der 1. Beispiel-Zusammenstellung sind diverse Aussagen/ Geständnisse des Winfried R.zur Tat in Wien und seinem Vorleben in Paderborn "umgeschnitten" worden.
FALSCHE VORWÜRFE
( 3 Männer, wie im Gespräch untereinander, oder auch zum Publikum als auch untereinander, die Frauen stehen an verschiedenen Positionen, nehmen wahr, aber reagieren nicht)
MANN 1: All diese Vorwürfe, mich betreffend, treffen an keiner Stelle zu. Ich habe ja 20 Jahre ohne Makel gelebt. Wenn ich so abwegig, so krank wäre, müsste dort ja auch etwas vorgefallen sein. Nicht im Ansatz waren Messer im Spiel oder eine Bedrohung. Meine Frau könnte nichts anderes sagen.
MANN 2: Sie hat sich nicht um Kinder gekümmert. Dieser, Vorfall dieser angebliche: Sie ist so erschrocken und vom Balkon gefallen. Bedrohung mit Messer ist nicht zutreffend. Sie wusste, daß ich Messer besaß, als Zimmerschmuck. Sicher bin ich vielleicht verzweifelt gewesen. Es gab eine Besänftigung durch meinen Bruder.
MANN 3: Messer nicht gegen sie verwendet ….Habe Suizidversuch mit Barbituraten unternommen.
MANN 2: Keine Aussage, bis auf Nebensächlichkeiten trifft zu, zu keinem Zeitpunkt. So absurde Lügen. Als sie zum ersten Mal aufgetaucht sind, hätte ich sie leicht anzeigen können. Das hat nicht zugetroffen.
MANN 1: Hatte Vorfall gegeben, bei dem ich mich im Haus aufgehalten hatte und ihr Vorhaltungen gemacht hatte, sie sie sei keine fürsorgliche Mutter. Die Kindersachen schmutzig, der Haushalt… Sie ist in der Tat auf den Balkon und gesprungen und zur Nachbarin gegangen.
MANN 3: Ich wollte weder mit ihr schimpfen noch sonst etwas. Das war ein Unfall.
MANN 2: Sie wußte, daß ich Messer sammle. In den Urlauben Finnenmesser, in Kroatien Messer. Damit habe ich nichts gemacht, geschweige denn jemanden bedroht.Das ist eine unglaubliche Schilderung, die hätte ich ja kennen müssen. Meine Schilderungen sind wirklich war.
CUT
MANN 1: Ich kann es nicht erinnern, nur weiß ich, ich war zu tiefst verletzt, zu tiefst verzweifelt, kann mich erinnern von Mozart ein bestimmtes Stück gehört zu haben. Das hat dazu geführt, daß ich ein einziges Mal vielleicht ausgerastet bin.
CUT
MANN 1: Sie ist oft nicht nach Hause gekommen, hat auf Fragen ausweichend geantwortet. Diese Situation habe ich nicht verkraftet, habe im Zuge des Ausnahmezustandes Wutanfall gehabt. MANN 2: Wurde verhaftet, habe Job verloren. Ein halbes Jahr später aufgrund Gutachten entlassen. Gelöbnis ihr sich nicht zu nähren.
CUT
( Männer vereinzelt, mit Pausen, alle verteilt im Raum, in Bewegung, eventuell chorografische Kontakt mit einzelnen Frauen. )
MANN 2: Insbesondere konnte ich erkennen, daß ihr Verhalten nur von Haß gegen meine Person geleitet wurde. Ich war durch diese Erkenntnis so schockiert, daß ich vorerst keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich und sie wußten, daß ihre, bei Gericht beigebrachten Anschuldigungen zum Teil zu Unrecht bestehen und sie ihren unrechten Weg, den sie gegen mich eingeschlagen hatte, weiterverfolgen muß.
MANN 3: Deswegen mußte sie mich immer aufs Neue belasten und neue Anschuldigungen vorbringen.
MANN 1: Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich Diana und ihre Mutter, die ebenfalls ihren Haß gegen mich versprühte, psychisch vernichten wollten.
MANN 2: Ich kam zu dem Schluß, wenn mir Diana und ihre Mutter jede weitere Zukunft verbauen wollen, daß ich da reagieren müsse.
MANN 1: Ich habe in Gedanken erwogen, Diana umzubringen, um von ihrem Haß befreit zu werden.
MANN 3: Als Tatwaffe sah ich in Gedanken eine Pistole vor mir und stellte mir das Bild vor, wie ich sie erschießen werde.
MANN 2: Von diesem Moment an, zog ich konkret in Erwägung, daß ich sie umbringen werde.
MANN 3: Und ich habe damit begonnen alle Vorbereitungen zu treffen,
MANN 1: damit ich dieses folglich einmal realisieren kann.
MANN 2: Ich machte mir Gedanken wie ich mir eine Waffe beschaffen könnte.
CUT
( rascheres Tempo, die Männer eng zusammen ) MANN 3: Generell ist zu sagen, daß ich Dianas Liebe wollte, nicht ihren Tod.
MANN 2: Ich habe kein Vermögen mehr, ich habe meinen ganzen Verdienst und mein Vermögen in Diana investiert.
MANN 1: Generell ist auch zu sagen, daß ich während der letzten beiden Wochen, insbesondere vor der Tat den Wunsch verspürte, Diana zu töten.
MANN 2: Ich diesen Wunsch aber stets nicht bewußt werden ließ.
MANN 3: Der Wunsch,begleitet von der Vision der Tat, daß ich Diana also mit einer Pistole niederstrecken würde, erschien mir als Befreiungsakt.
MANN 2: Eine seltsame Vorfreude erfasste mich, ein Gefühl, daß ich alsbald von einer mich erdrückenden Last befreit sein würde.
MANN 1: Melodien von Schlagern hörte ich innerlich.
CUT
(Männer bewegen sich in ein Off, schleichen sich heraus, sind dann noch über Mikro leise vernehmbar)
MANN 1: Ich weiß undeutlich, daß ich auf Diana geschossen habe, sehe ein verwaschenes Bild, wie sie auf dem Bürgersteig liegt, erkenne dabei aber nicht die geringste Verletzung oder gar Einschüsse. Einzelne Bilder kann ich lediglich vergegenwärtigen, wovon eines ist, daß ich den mir zu dem Zeitpunkt seltsam klingenden Knall der Pistole höre, allerdings nicht in einer Vielzahl…
MANN 3: ….so daß ich nicht weiß, wie oft ich gefeuert habe. Ich weiß nicht, wo ich örtlich die Schüsse auf Dianah abgegeben habe.
MANN 1: Diesen Mann zu verletzen war keine in irgendeiner Form geplante oder beabsichtigte Handlung. Ich wußte nicht, daß dieser Mann ein Kriminalbeamter war, wie mir später mitgeteilt wurde. Ich bedaure sehr, jemanden verletzt zu haben, der sich in diese Angelegenheit einmischte, mit der Absicht zu helfen und Unheil zu verhüten.
MANN 2: Hatte Pistole eingesteckt. Hatte sie gesehen, bin auf sie zugelaufen, habe sie erschossen. Habe nicht wahrgenommen, sie war in Begleitung ihres Sohnes. Habe Diana leider tötlich getroffen. einen Polizeibeamten verletzt mit Messer. ( Zwei der Frauen fallen plötzlich zu Boden, sacken zusammen, ohne die Situation einer Tat nachzuspielen) MANN 3: Ich habe am Freitag gegen 17.oo Uhr, meine frühere Lebensgefährtin Konstanina vor ihrem Wohnhaus in Wien, nachdem ich dort auf sie gelauert hatte, ·mit meiner Pistole, Marke FN, Kaliber 7,65 mm, erschossen.
MANN 2: Im Vordergrund meiner Tat stand Rache. Sie hat mich angezeigt und deswegen war ich eingesperrt. Sie hat auch meine Persönlichkeit zerstört.
MANN 1: Den Mann, der mich hindern und halten wollte, habe ich angeschossen und beim Handgemenge mit meinem Messer niedergestochen. Dieses Messer wurde mir bei meiner Verhaftung abgenommen.
CUT/ MUSIK/ BLENDE
Die 2. Beispiel-Zusammenstellung nimmt Bezug die Verhandlung, die 1985 in Wien stattfand, nachdem Winfried R. Konstantina Ulitsch auf offener Strasse erschossen hatte.
ES WAR LIEBE
(…)
Stimme ( Verteidiger ) – Eine Beziehungstat. Sie hat ihn provoziert. Stimme (Staatsanwalt ) – Ich beantrage Schuldspruch und schuldangemessene Strafe. Stimme ( Verteidiger ) -Ich bitte um ein mildes Urteil. Stimme (Angeklagter) – Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an.
CUT
Stimme ( Geschworene) -Hat Winfried Ratajczak am l0. 2. 1984 in Wien sich in einer allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung dazu hinreißen lassen, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von vier Schüsse zu töten? Stimme ( Geschworene) – Eventualfrage entfällt. Stimme ( Geschworene) – Bei der Strafbemessung ist mildernd: Stimme ( Geschworene) – das Geständnis des Angeklagten hinsichtlich des unerlaubten Waffenbeszitzes- Stimme ( Geschworene) – sowie eine gewisse durch psychopathische und neurotische Züge geprägte Persönlichkeit des Angeklagten. Stimme ( Geschworene) – Erschwerdend das Zusarnmentreffen eines Verbrechens und dreier Vergehen, Stimme ( Geschworene) – die Begehung der Tat entgegen dem, dem Angeklagten auferlegten Verbot, Konstantina Ulitsch zu kontaktieren Stimme ( Geschworene) – sowie die aus dem Tatablauf hervorgehende Massivität der Tat. Stimme ( Geschworene) – Der Abgabe eines Kopfschusses aus maximal 10 cm Entfernung, Stimme ( Geschworene) – die langfristige Überlegung der Tat. Stimmen ( Geschworene) – Verbrechen des Mordes, Vergehen der schweren Körperverletzung, Vergehen des unerlaubten Waffenbesitzes
CUT
Stimme ( Kommentator) – Anwalt und Angeklagter flüstern intensiv.
CUT
Stimme ( Verteidiger)- Meine Damen und Herren, wie auch immer sie urteilen werden, ob auf Mord oder Totschlag, bedenken Sie, er hat den Menschen getötet, den er am meisten geliebt hat!
CUT Stimme (Richter) – Hat Winfried Ratajczak am 10.2. 1984 in Wien, Konstantina Ulitsch durch Abgabe von 4 Schüssen vorsätzlich getötet? Stimme ( Kommentator) – Sechs Geschworene stimmen mit Ja. Zwei Geschworene sind nicht überzeugt von einer Tötungsabsicht und stimmen mit nein.
CUT (Klingel, Stille)
Stimme (Richter) – Winfried Ratajczak ist schuldig. Das Urteil ergeht auf 20 Jahre Stimme ( Kommentator)- Auch ein Lebenslänglich wäre möglich gewesen? Stimme (Richter) – Letzlich ist die verhängte Freiheitsstrafe schuldangepaßt und entspricht diese auch spezial sowie generalpräventiven Anforderungen.
CUT
Stimme ( Verteidiger)- Was man manchmal vor Gericht sagen muss.
Winfried Brenner wurde 1984 wegen Mordes in Wien zu 20 Jahren Haft verurteilt. Einen gewisssen Nachlass gab es trotzdem damals, man hätte auch ein tatsächliches Lebenslänglich verhängen können. Nicht alle Geschworenen waren überzeugt, dass er Konstantina Ulitsch absichtlich auf offener Strasse erschossen hatte. Andererseits waren die 20 Jahre für eine „Beziehungstat“ im Verhältnis zu sonstigen Verurteilungen doch ein relativ strenges Urteil.
2014, nach der Tötung meiner Cousine, bekam er wegen Totschlags die derzeit in der BRD höchstmögliche Strafe von 14 Jahren ( ein Jahr U-Haft angerechnet). Anschliessende Sicherungsverwahrung wird vom Gericht dringend angeraten. Der Anwalt der Nebenklage, Walter Lechner plädierte auf Mord. Die Kammer sah die Mordmerkmale nicht erfüllt. Man liess den Nachmittag vor der Tat im Diffusen und machte auf diese Weise doch ein Zugeständnis an die abgemilderte Tötungs-Version des Winfried B. ! Das Opfer Saskia Steltzer kann ja nicht mehr befragt werden.
Hätte es Möglichkeiten gegeben, ein Urteil wegen Mordes auszusprechen? Oder zumindest die Situation des Opfers vor der Tat zu würdigen? Bei genauerem Hinsehen durchaus. Ich habe mir erklären lassen, eine Würdigung des Opfers ist nicht Aufgabe des Prozesses, sondern nur die Aburteilung der Straftat. Und genau das ist es, was Wut und Trauer erzeugt. So wird das Opfer in gewisser Weise ignoriert und übergangen.
§ 211 Mord
(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oderum eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
§ 212
Totschlag
(1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
(2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.
Da Winfried Brenner bereits als Winfried Ratajczak tötete und obwohl diese Tat weit zurück liegt, ist der Vergleich von Konstantina Ulitsch zu Saskia Steltzer klar: Er tötete diese Frauen, weil die Frauen sich trennen wollte. Er tötete, weil er für sich in Anspruch nahm, dass sowohl Konstantina 1984, als auch Saskia 2013, ihm gehören würden, sein Besitz seien. (Beiden gab er sinnigerweise den Namen Diana) Das zum Beispiel kann und darf man ja nicht anders als Habgier und somit als niedersten Beweggrund auslegen. Damit würde man dieses Verhalten, das sich ja in allen schrecklichen Variationen dauernd und überall wiederholt, als das benennen, was es wirklich ist: Mord.
Da hat sich das Gericht 2014 dann doch darum herum geschlichen. Aus Zeitersparnis, weil das Strafmass sowieso klar war, weil man sich nicht zu viel Mühe machen wollte, nochmal extra nachzuhaken?
Sie sollte sein Eigentum sein und bleiben. Er muss es direkt oder indirekt angekündigt haben. Es gibt dafür einen Zeugen, den Bruder von Winfried. Er hat das bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Auch wenn er im Prozess nicht als Zeuge aussagen wollte, nichts mehr mit Winfried zu tun haben will. Wenn die Kammer gewollt hätte, hätte sie seine protokollierten Aussagen auf die eine oder andere Weise trotzdem auswerten können und müssen. Der Richter zitierte im Prozess kurz sogar daraus: Saskia habe am Telefon zum Bruder geäussert, dass sie Angst hätte zu sterben. Auch dass Winfried ein Messer habe und dass sie wisse, was er gemacht hat. Alles das bedeutet: Sie wurde von ihm bedroht, sie hatte Todesangst, er hat ihr eiskalt serviert, dass er bereits eine Frau getötet hatte, die sich trennen wollte. Er war dazu bereit, die Grenze war duchbrochen, so weit war er und weil er diesen Schritt der eigenen Entlarvung bereits gegangen war, konnte er sowieso nicht mehr zurück. In der Verhandlung machte er einen Ansatz zu einem Zugeständnis in Richtung Wahrheit: Er müsse zugeben, er hätte sie zum Schweigen bringen wollen, wegen eines drohenden Eklats. Das hat er miteinander verknüpft, die beiden Inhalte: Die Messserattacke und „zum Schweigen bringen.“ Niemand hakte bei dieser Aussage nach. Es wurde quasi übergangen. Viele seiner Angaben, waren oft verschwurbelt und halbwahr. Aber an dieser Stelle steckte eine tatsächliche Wahrheit und Wirklichkeit dahinter. Warum hätte er das sonst so formuluiert, denn es war keine Schutzbehauptung mehr, keine Verdrehung.
Es blieb ihm, aus seiner Perspektive, keine andere Möglichkeit, als sie irgendwann zum Schweigen zu bringen. Denn er hatte sie in Geiselhaft genommen in der Wohnung, die Balkontür geschlossen. Er hat sie dann auch noch irgendwann mit dem Messer bedroht und gezwungen, sich auszuziehen, wie er das schon in anderen Beziehungen praktiziert hatte, er wollte sie mit dem Messer in der Hand zur Liebe zwingen. Sie schrie ihn an: „Hau, ab, lass mich in Ruhe!“ Sie wehrte das Messer ab. Sie befreite sie sich für einen Moment irgendwie und rannte nackt und in Todesangst und wahrscheinlich schon mit einer Stichverletzung, vielleicht hatte er sie beim Wegrennen mit dem Messer schon im Rücken erwischt, über den Wohnungsflur zur Tür auf den Treppenabsatz, schlug hinter sich die Tür zu, konnte vielleicht gar nicht mehr weiter und schrie: „Hilfe, ich sterbe jetzt!“, während er in dieser Sekunde bereits die Tür von innen aufriss und ihr rücklings mit aller Gewalt das Messer hineinschlug. Sie war gelähmt, ihr Rückenmark durchtrennt, sie sackte zusammen, er zog sie in die Wohnung und stach dann von vorn auf die am Boden Liegende ein. Das alles ist ein nicht wirklich nachprüfbares und doch sehr wahrscheinliches Szenario und von niedersten Beweggründen und seelischer Grausamkeit geleitet. Und schliesslich musste er mit seinem Gewaltakt auch die Straftat der versuchten Vergewaltigung und der Geiselnahme verdecken.
In der Urteilsbegründung, die -wie ich mir sagen liess- nur zu juristischen Zwecken dient, eine Revision auszuschliessen soll, hätte man zumindest einen Anklang dessen formulieren können, was anzunehmen ist.
Eine Begründung ist doch auch eine Hinterlassenschaft, ein Dokument Sie ist nicht für die Öffentlichkeit und doch auch ein Teil Geschichtsschreibung, Niederlegung. Und dieses Dokument muss lügen, weglassen, um nicht anzweifelbar zu sein. Das ist -auch wenn Winfried B`s Verurteilung „fachgerecht“ war, bitter und traurig.
Burchard Dabinnus, Theatermacher, Regisseur, Schauspieler, Sprecher, Autor
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