Die „Mühlengeschichte“

PROJEKT- URSPRUNG, AKTUELLER STATUS

In meiner Arbeit „Flüsterzettel“ wurde eine ungeklärte Familienangelegenheit aus der NS-Zeit thematisiert. Es ging um die Übernahme eines jüdischen Großbetriebes durch meinen Großvater, im früheren Ostpreußen, im Jahr 1939, die „Bartensteiner Mühlenwerke“. Natürlich drängt sich zuerst der Gedanke auf, dass diese „Betriebsübernahme“ eine Arisierung zu Gunsten der Familie Dabinnus und anderer ehemaliger Mühlenkunden war.
Es gibt widersprüchliche Erzählungen und Dokumente bei den Nachkommen verschiedener Familien.
Der Inhaber und Geschäftsführer dieses Betriebes,  Dr. Hans Joseph Meyer, war mit meinem Großvater befreundet, so die Legende und es könnte sich bei der Übernahme auch um den Versuch einer „Tarnung“ des Besitzes gehandelt haben. Allerdings ist diese Sichtweise vielleicht eher dem Wunsch nach familiärer Entlastung entsprungen.

Das Thema habe ich in einem Solo im Theater HochX im Juni 2020 noch weiter ausgearbeitet. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung  (  SOLO  ZEIT- RESTE ca. bei Min. 32.00 im Video, bei 36.30 im Audio ) entstand  die Idee, die Fragestellungen dieser Geschichte zu einem öffentlichen Projekt auszugestalten. Durch ein Stipendium der GVL konnte ich im Corona-Herbst 2021 intensiv an Umsetzungsmöglichkeiten arbeiten. Ein Förderungsantrag beim Kulturreferat der Stadt München auf Projektförderung wurde inzwischen positiv beschieden. So ist ein Teil des Projektes finanziell gesichert und es können weitere Anträge u.a. bei der Kulturstiftung des Bundes gestellt werden.

ZEITSCHICHTEN

“ Sie sind ein hohes Risiko eingegangen und haben am Schluss noch die schöne Mühle übernommen“

So verschlüsselt ein Bekannter des Großvaters die „Mühlenangelegenheit“ in einem Nachkriegs-Brief. War die „Übernahme“ der freundschaftliche Versuch das Vermögen der Familie Meyer zu tarnen?  Oder war es schlicht eine „Arisierung“, so wie tausende andere damals im NS-Staat, eine Enteignung zum Schleuderpreis?

Denn ein „Onkel Bruno“,  ein Dr. Bruno Dzubba  gehörte zum erweiterten Verwandtenkreis.  Dr. Dzubba spielte im Macht-System des ostpreußischen Gauleiters  Erich_Koch eine üble Rolle als Enteigner.  Bis weit in die Ukraine reichte nach dem Überfall auf die Sowjetunion dessen Machtapparat. Die hemmungslose Bereicherung der sogenannten „Erich-Koch-Stiftung“ hatte maßgeblich auch „Onkel Bruno“ mitorganisiert.

 „Die schmutzige rechte Hand des Gauleiters“

So nennt  ihn Marion Dönhoff 1949 in der ZEIT.  Bei Recherchen u.a. im Landesarchiv Schleswig-Holstein stellt sich heraus, daß mehrfach in der unmittelbaren Nachkriegszeit versucht wurde, ihn vor Gericht zu bekommen. Alle diese Versuche scheiterten, es gab viele Vorwürfe und Beschuldigungen, aber wenig „Beweise“.  Und schließlich ließ man mit Beginn der „Schlußstrich“-Politik, Anfang der 1950er Jahre Gras darüber wachsen. Dr. Bruno Dzubba arbeitete unauffällig als Steuerberater, heiratete in eine Fabrikantenfamilie.

Was und und ob er etwas mit den Vorgängen um  die „Bartensteiner Mühlenwerke“ zu tun hatte, ist bisher ungeklärt. Weiteres Material dazu muß recherchiert werden.

Mühleninhaber Dr. Hans Joseph Meyer, der Deutschland nicht verlassen wollte und versuchte in Berlin den sich abzeichnenden Untergang des 1000-jährigen Reiches abzuwarten und seine Frau  Lotte-Frieda waren im Juni 1943 für einen Transport nach Auschwitz vorgesehen, wurden kurzfristig nach Theresienstadt “umgebucht“.  Angeblich holte man Dr. Hans Joseph Meyer aus Theresienstadt und sogar noch aus Auschwitz zur Beratung seines früheren Betriebes.

Dr. Hans Joseph Meyer, Lotte Frieda Meyer, geb. Baerwald

 

Fotos der teilweise noch bestehenden Gebäude aus dem Dezember 2021 von Joanna Jakutowicz

Dann endete das Ehepaar Meyer, ebenso wie andere Mitglieder dieser jüdisch-deutschen Familie, in Auschwitz.

“Ich war auch mit einem Mitglied der Familie befreundet, es war Hans Joseph Meyer, der in Auschwitz vergast wurde”

– so der Großvater Georg Dabinnus 1964 in einer eidesstattlichen Erklärung.

Er stand später in Kontakt mit einem überlebenden Mitglied der Familie Meyer in London. Es ging um Ausgleichszahlungen für verlorenen Besitz, eben um die “Mühlengeschichte”. Eine Angelegenheit zwischen den Familien bis heute.

Meyer Enkel Billy suchte 2006 Jahre den Sohn des Gutsbesitzers Georg Dabinnus auf.  Georg Dabinnus junior ist allerdings zu diesem Zeitpunkt auch bereits Mitte achtzig .  Billy Meyer versucht auch noch in einem zweiten Anlauf konkretere Fakten zu der Übernahme und den genauen Vorgängen zu erfahren. Leider ohne Erfolg.

Billy Meyer und Burchard Dabinnus sind beide “Erben” dieser „Familien-Angelegenheit“ im Kontext der Zeitgeschichte.                      In der  Familie  des Autors hat man ab und dann den                                       (fast entschuldigenden)  Satz gehört:

“Wir hatten ja auch jüdische Freunde”.

Aber auf der Aufnahmekarte der NS-Frauenschaft hat die Großmutter 1933 mit ihrer Unterschrift erklärt  sie sei:

„deutsch-arischer Herkunft und frei von jüdischem oder farbigen Rasseeinschlag“

Bitterer Kaffeesatz der „Reste von Gestern“.

MÜHLENGESCHICHTE ALS BEISPIEL

Kann diese „Familienangelegenheit“, die sich vielleicht nie wirklich aufklären lässt, als Fragestellung oder Versuchsanordnung für das Jetzt und Heute dienen? Außer lediglich eine weitere von zahllosen wabernden familiären NS-Verstrickungs oder Entlastungslegenden zu sein?

In einem erweiterten Rahmen kann sie ein Beispiel, Katalysator, eine Folie und auch Aufforderung sein.  Ein ganzes Themenbündel von alten und neuen gesellschaftlichen Realitäten ist, durch verschiedene Zeitschichten hindurch, darin verknotet: Widersprüche, Legenden und Schweigeverpflichtungen und der Wunsch nach Entlastung und Freisprechung der eigenen Vorfahren.

Was entwickelt sich, wenn man den Ort im heutigen Polen miteinbezieht, wo die Gebäude der Meyerschen Mühlenanlage heute noch stehen?  Wenn man die Geschichte des Gebäudes dort vor Ort erzählt, die Reaktionen sammelt, so die Ebenen von Gestern und Heute verknüpft und zusammen mit weiteren Recherchen in einer Theaterperformance bündelt?

Dann stehen wir gleichzeitig in polnisch-jüdisch-deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Kulturell wie politisch. Und in den „Resten von Gestern“, die auch wieder Realität von heute sind:  Alter und neuer Antisemitismus hier wie dort (In den Verschwörungstheorien der Coronaleugner ist der offene oder versteckte Antisemitismus auch wieder ein beliebter Topos: die Welt wird von reichen und mächtigen Juden gesteuert). Außerdem Fragen nach Begriffen wie Kultur, Heimat, Eigentum, Nation. Eigene familiäre Verlusterfahrungen und Migrationserfahrungen, Prägungen, Vorurteile oder das Familienschweigen und der Umgang mit Geschichte.

Mit diesen Fragestellungen soll eine Veranstaltungsreihe an verschiedenen Orten in Deutschland und Polen konzipiert werden. Ergebnisse dieser „Feldforschung“ werden dann in die finale Theaterbearbeitung eingebracht werden.

VERANSTALTUNGEN

Die Veranstaltungen sollen jeweils aus einem informativen Teil (in Zusammenarbeit mit Billy Meyer und einem Team aus Historikern und Public-History-Studenten) und einem künstlerisch-subjektiven Part bestehen : Basierend auf dem bislang verfügbaren Material und den möglichen Interpretationen sollen die schauspielerischen Mitwirkenden unterschiedliche Positionen zum Thema spiegeln.

Nach den weiteren (mit optionaler Unterstützung von verschiedenen Organisationen, Institutionen und Stiftungen, die im polnisch-jüdisch-deutschen Themenfeld tätig sind) zu organisierenden Veranstaltungen und Recherchen findet dann im HochX eine Theater-Performance statt, die alle bis dahin erarbeiteten Ergebnisse aus Materialien, Gesprächen und Dokumente, Diskussionen und Interviews in einer Bühnenform „verdichtet“.

 

FORMALE/ INHALTLICHE GESTALTUNG

Die einzelnen Puzzlestücke werden zusammenlegt, in komprimierter Form im Bühnenraum verhandelt und zur Disposition gestellt. Es geht nicht darum, Urteile zu sprechen, es geht auch nicht darum Entlastungen oder Verständnis auszusprechen.

Ein Mehrspurverfahren, eine Vielstimmigkeit soll entwickelt werden: Briefe, Dokumente, Aussagen und Meinungen von gestern und heute werden auseinander und aneinandergeschnitten auch wenn sie zeitlich-historisch nicht zusammengehören. Es entsteht ein collagiertes Geflecht, ein eigener Raum von Verknüpfungen durch verschiedene Zeitebenen und Generationen hindurch. Die Elemente treten miteinander in Dialog, stellen sich gegenseitig Fragen, eröffnen Zwischengedanken und Perspektiven.

Ein Auschnitt eines Briefes aus der Vergangenheit begegnet beispielsweise dem Gedanken aus einem Interview aus dem Polen von heute.  Ein Foto trifft auf ein amtliches Schreiben. In der Theaterform wird Widersprüchliches, auch „Unpassendes“ zusammengefügt. Dem Zuschauer soll keine Interpretation vorgegeben werden, kein bequemer moralisch-ethischer Sessel hingestellt werden, auf dem er automatisch auf der richtigen Seite Platz nehmen kann.  Wiederholungen von Sequenzen in einem veränderten Kontext oder einer anderen Färbung fordern Widersprüchlichkeiten heraus, die nicht zur einen oder anderen Seite hin aufgelöst werden sollen. So bleibt die Selbstüberprüfung jedem einzelnen überlassen.

Das Ganze soll kein abstrakter und statischer Vorgang sein, kein Diskussionstheater als frontale Konfrontation.

In einer entsprechend modifizierten Version soll die Theater-Performance dann auch in Polen gezeigt werden. Dafür werden einzelne Elemente übersetzt und vor Ort -in einer Kombination mit dortigem künstlerischem Personal in die in entsprechenden Räumlichkeiten übertragen.

„Schließlich haben wir die Kontingente nicht direkt vom Juden gekauft“.

Ein O-Ton aus einem Nachkriegsbrief der 1960er Jahre. Benutzt der Großvater absichtlich diesen Jargon? Rutscht ihm da etwas heraus? Oder nimmt er diese Formulierung, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er hätte sich bereichert?

Die Mutter des Schriftstellers Joachim Höll, Tochter des Königsberger Regierungspräsidenten Angermann, sagt zu ihrem Sohn, der Dokumente zu seinem Großvater ausfindig machen will, er solle

„nicht das Ansehen des Großvaters beschmutzen!“

VERNETZUNG

Alle Veranstaltungen bauen aufeinander auf, beziehen die Ergebnisse von Recherchen, Interviews und Diskussionen der vorangegangenen Veranstaltungen mit ein und sollen jeweils zweiteilig und teilweise auch zweisprachig sein. Es gibt in jeder Veranstaltung einen informativen-interaktiven Teil als Workshop-Format und einen künstlerischen Teil in Form von Theater, Performance, Lesung oder Video. In München ist dann die Auftakt und Abschlussveranstaltung als Theaterprojekt geplant und in das Gesamtprojekt als Baustein eingebettet.

In Polen in Bartoszyce/ Bartenstein, am Ort der Mühlenanlage und unweit davon, in Olsztyn/Allenstein,  steht, als letztes Zeugnis jüdischen Lebens in dieser Gegend  (der jüdische Friedhof ist heute Teil einer Mülldeponie), das „Mendelssohn“- Haus, ein ursprüngliches Gebetshaus, das von der NGO Borussia renoviert wurde und für Veranstaltungen genutzt wird. Auch dort soll es eine Start und eine Abschluss Veranstaltung geben. Die in München erarbeiteten Theaterelemente werden nicht als „Gastspiel“ exportiert, sondern für diese Orte wird eine adäquate Umsetzung, auch unter Beteiligung von regionalen Mitwirkenden entwickelt werden. Interaktiv-informative Workshop und Gesprächsformate begleiten die Veranstaltungen. In die Präsentation von Dokumenten und Recherche-Ergebnissen sollen Fachleute aus historisch-wissenschaftlichen Bereichen, mit denen bereits seit längerer Zeit ein Austausch über die Fragestellungen des Projektes besteht, einbezogen werden, ebenso Studenten des Masterstudiengangs „Public History“ an der FU-Berlin.

So werden (generationenübergreifend und im deutsch-jüdisch-polnischen Kontext) die Fragestellungen der „Mühlengeschichte“ auch Feldforschung sein. Die Fragen, die wir an die Vergangenheit stellen müssen, sollten wir auch an uns selber stellen.

Kontakte, Fachberatung, Projektunterstützung

Zur weiteren inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung bestehen Kontakte zu weiteren Mitgliedern der Familie Meyer-Graetz, zum „NS -Dokumentationszentrum München“ zu Dr. Ruth Leiserowitz, die am DHI in Warschau forscht. Außerdem wird die NGO Borussia in Olsztyn/Polen aktiv als Kooperationspartner tätig sein. Die NGO Borussia ist in Kultur und Bildungsarbeit tätig. Das Projekt steht ebenso im Kontext der gegenseitigen Verständigung.

Fachleute wie die Historiker Dr. Christian Rohrer aus Berlin, Dr. Iris Nachum aus Tel Aviv werden im Hintergrund weitere Archivrecherchen begleiten und Ergebnisse analysieren. Zur weiteren Finanzierung des Gesamtprojektes sind Anträge an die “Kulturstiftung des Bundes“ und/oder die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ geplant. Eine Zusammenarbeit mit dem „Institut für angewandte Geschichte“ in Frankfurt an der Oder ist ebenso avisiert wie eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem „Kulturforum östliches Europa“ und dem Dokumentationszentrum in München.

Das Projekt soll im gesamten Verlauf im Netz auf einer eigenen Website dokumentiert und in Audio/ Video und Textformaten vermittelt werden.

Nach Jahrzehnten des Familienschweigens und Vergessens können private Dokumente und Materialien aus Archiven vielleicht doch noch genauere Auskunft geben.   Oder neue Informationen zerstören den Wunsch nach den -in der NS-Diktatur- „anständig“ handelnden Vorvätern . Das Risiko besteht.